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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Westfront vorläufig auf die Defensive angewiesen sei. Für die von Hindenburg geplanten Operationen im Osten mußten noch mehrere Korps herausgezogen werden. Wir hatten uns deshalb fürlängere Zeit" auf den Stellungskrieg einzurichten. Daß daraus ein Dauer­zustand von vier Jahren werden sollte, konnten wir glücklicherweise nicht ahnen.

Wir mußten uns zunächst einmal auf den flandrischen Winter einrichten, der sich mit abscheulichem, naßkaltem Schlackerwetter und heftigen Stürmen ankündigte.

Zuerst wurde ein durchlaufender, vorderster Graben ausgebaut und durch Drahthindernisse gesichert. Besondere Schwierigkeiten bot der nasse Boden und der hohe Grundwasserstand, der es un­möglich machte, in die Tiefe zu gehen. So spielten die Sandsäcke eine entscheidende Rolle. Zu Hunderttausenden wurden sie an den Grabenrändern aufgeschichtet und dazwischen durch Eisenblenden gesicherte Schießscharten eingebaut. Wir setzten eine Textilfabrik in Wervicq in Betrieb, die bis zum März 1915 über eine Million Sandsäcke lieferte. Ein großes Sägewerk besorgte den gewaltigen Bedarf an Hölzern für Unterstände, Lattenroste in den Gräben, für Knüppeldämme und für Särge und Grabkreuze. So entstand unter Anleitung der Pioniere, auf deren Buddelei die Infanterie in FriedenSzeiten sehr zu Unrecht etwas hochmütig herabgeblickt hatte, in unendlich mühevoller Arbeit allmählich ein in mehreren Ver­teidigungslinien nach der Tiefe gegliedertes Grabensvstem, in dem auch eine numerisch schwächere Besatzung einen feindlichen Durch­bruch abwehren konnte.

In der Tragödie dieses Stellungskrieges mußte der Komman­dierende General oft mehr vorausschauender Betriebsdirektor als Soldat sein. WaS galt es nicht alles zu organisieren und aus der Erde zu stampfen, um für die Leute zu sorgen, die draußen in Schlamm und Morast fast über Menschenkraft auszustehen hatten.

Ich bin in dieser Zeit viel in den Gräben herumgekrochen, gewatet, bis an die Hüften vom Schlamm überkrustet. Die Posten sahen aus wie Lehmklöße, oft standen sie bis an die Knie im Dreck, der unerträglichen Nässe des flandrischen Winters so gut wie schutzlos

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