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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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sprengungen traten an die Stelle des offenen Kampfes. Jeden Tag verfeuerte der Gegner Unsummen von Munition auf unsere Stellung, während wir die Granaten sorgsam sparen mußten. ES war eine harte Zumutung für unsere Infanterie, den Geschoßhagel des Feindes über sich ergehen zu lassen, während unsere Batterien schwiegen. Tägliche, sehr schmerzliche Verluste waren die Folge.

Am 10. Dezember 1914 kam es noch einmal zu einer größeren Aktion. Truppen der Z9. Diviston erstürmten die Höhe 60 und hielten sie gegen die bald darauf einsetzenden Gegenangriffe. Die feindliche Artillerie ließ uns diesen Erfolg durch verstärkte Schießerei ent­gelten.

Kurz vor Weihnachten mußte ich die Gardedivision Winkler zu anderweitiger Verwendung abgeben. Ihre Regimenter hatten die ganze Zeit über in vorbildlicher Weise ihre Pflicht getan. Prinz Eitel-Friedrich, der das i. Garde-Regiment kommandierte, erwies sich als ein tapferer Führer, der immer vorne bei seinen Truppen war.

Dann kam unser erstes Weihnachten im Felde. Am Heiligen Abend schwiegen wie auf Verabredung die Kanonen. Aus den Stellungen auf beiden Seiten stiegen die Leuchtkugeln gegen den Himmel, und unsere Leute waren mit ihren Gedanken beim heimatlichen Weihnachtsbaum. Die Jungen sahen die Mutter vor Augen, die still die Hände faltete und an ihren Sohn vor Ppern dachte. Die älteren Soldaten aber, die Frau und Kind bei karger Rente zu Hause wußten, benahmen sich viel merkwürdiger. Wenn sie nach Ablösung von Posten in den verrauchten Unterstand traten, wischten sie sich mit dem lehmverklebten Ärmel über die Augen und schimpften in rauher Soldatensprache über den verfluchten Qualm. Dann gössen sie ein paar Glas WeihnachtSgrog runter und taten so, als ob nur die Jungen sentimentale Kinder seien. Harte, struppige, unrasierte und dreckverspritzte Kerle! Und doch hätte jeder für sein Leben gem heute kleine, schmächtige Kinderarme um den Hals gefühlt.

Hier und dort gingen auch die Posten hüben und drüben aus den Sappenköpfen man kannte sich ja eigentlich, wo doch jedes laute Wort von dem Horchposten auf der andern Seite gehört wurde aufeinander zu, gaben sich die Hand, tauschten Zigaretten aus und

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