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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Der Eindruck in der zurückeroberten Stellung war erschütternd. Die großen Trichter boten auch für den abgebrühtesten Soldaten einen schauerlichen Anblick. Beine und verkrampfte Fäuste der Ver­schütteten ragten hier und da aus dem Schutt hervor, und ein un­erträglicher Verwesungsgeruch erfüllte die Luft. Zudem hatten unsere Leute unter den Dämpfen der eigenen zerschossenen Gas­flaschen schwer zu leiden.

Zu allen Schrecken über der Erde war nun auch noch der Kampf unter der Erde gekommen. Beide Parteien suchten Stollen bis unter die feindlichen Gräben vorzutreiben. Dabei kam es oft vor, daß die Mineure unter der Erde zusammenstießen und sich gegenseitig durch Sprengungen die Stollen zerquetschten. Für die Infanterie ergab sich eine neue Nervenbelastung. Sorgenvoll horchte alles auf Klopfgeräusche unter der eigenen Linie, dem einzigen Anzeichen, daß der Feind mit seinen Sprengladungen die deutsche Stellung unter­miniert hatte.

Am 20. April setzten die Truppen rechts von uns zum Gasangriff gegen die Nord- und Ostfront von Ppern an. Um fünf Uhr früh zischte das Gas aus den Stahlzylindern, und eine dichte Wolke grüngelben Chlors wurde vom Nordostwind gegen die feindlichen Linien getrieben. Die Wirkung war katastrophal. Wo die Gift­schwaden erschienen, suchten die Verteidiger, Kanadier und fran­zösische Kolonialtruppen, dem sicheren Tod durch die Flucht zu entgehen. Was aber in den vordersten Gräben lag, erstickte. Hinter der Gaswolke folgten die deutschen Sturmtruppen und überrannten alles bis zur Linie SteenstraateLangemark. Über fünfzig Ge­schütze fielen in unsere Hand. Wären auf deutscher Seite genügend Reserven vorhanden gewesen, so hätten unsere Truppen bis auf Vpem durchstoßen können.

Für uns schien sich am i. Mai die Chance zu bieten, den Feind auf Höhe 60 durch Gas auszuräuchern. Die Feldwetterstation hatte Wind aus Südost gemeldet. Um acht Uhr abends wurden beim Regiment 105 etwa sechzig Flaschen aufgedreht, aber die Gaswolke strich nicht zum Feinde, sondern an unserem Graben entlang nach rechts. Eine Anzahl Erkrankungen war die Folge. Dagegen hatte vier Tage darauf das Abblasen von GaS in einer Breite von 1400 m

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