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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Verwundete waren die Folge des englischen Luftangriffs. Statt das Regiment bei einer militärischen Übung zu sehen, nahm ich am nächsten Tage an der Beisetzung der Opfer teil. So machte das Schicksal einen grausamen Strich durch meinen letzten Besuch an der Front.

Anfangs Oktober reisten wir zu unserer Tochter Marie nach Schloß Neetzow in Pommern, wo auch ihr Gatte gerade einen kurzen Urlaub von der russischen Front verbrachte. Auf dem Gut spürte man nichts von der Hungerblockade. Trotzdem ließen auch hier die Jnstleute die Köpfe hängen. Auch aus ihren armseligen Katen unweit des Schlosses war ihr kleiner Teil am menschlichen Glück geschwunden. In einem Haus fehlte der Mann, er war irgendwo auf den Schlachtfeldern Flanderns begraben. In einem andern jammerte die Mutter um den Sohn, der in Rußland gefallen war. Auch hier wie oben im Schwarzwald nur die eine Sehnsucht: Friede, Friede! Es war unser letzter Besuch in Pommern, denn nach dem Krieg wurde die Ehe unserer Tochter Marie mit dem Schloßherrn von Neetzow geschieden.

Dieses erste halbe Jahr, das ich nach Kriegsausbruch wieder in der Heimat zubrachte, und die Reisen, die ich in Nord und Süd machte, ließen mich die Stimmung mit erschreckender Klarheit erkennen. Ich versäumte keine Gelegenheit, um mit Leuten aller Stände und Berufe, in Stadt und Land, zu sprechen und ihre Mei­nung zu hören. Unser Volk litt schon 1917 viel schwerer unter der Hungerblockade, als ich es an der Front mir hatte träumen lassen.

Wir wollen aber die Schrecken des Krieges hinter der Front nicht vergessen, wie uns das die Gemeinde derer, die im Stahlbad des Weltkrieges wirtschaftlich gesund geworden sind, mit allen Künsten verlogener Propaganda immer wieder nahelegt. Den Landwirten ging es ja verhältnismäßig gut, sie brauchten keinenErsatz", kein Eiersparpulver", keine KaffeewürfelMarke Schützengraben", keinenKaiser-Wilhelm-Tee", keinKohlrübenmus mit Erdbeer- geschmack" und keineHeldenmarmelade". Ihnen wuchsen ja trotz aller Verordnungen die wichtigsten Lebensmittel doch im Original zu. Aber die breiten Massen in den Städten und Jndustriegegenden, die Familien der Eingezogenen, die Beamten und der gewerbliche Mittelstand litten schwer an Unterernährung. Ganz besonders die

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