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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Heeren war ja trotz Überlegenheit an Zahl und Material bei ihren vielen Versuchen nirgends ein Durchbruch gelungen.

Ich habe zu oft im Kriege erfahren, daß sich sehr schnell, wenn wirklich einmal ein Einbruch in die feindliche Linie gelungen war, wieder ein neuer feindlicher Materialwall hinter der Einbruchsstelle bildete, an dem das weitere Vorgehen dann scheiterte. Man saß wiederum im Stellungskampf fest, und die taktische Lage war nur schlechter als vorher, weil man sich als spitzes Dreieck vorgeschoben hatte und so von beiden Seiten umfaßt war. Sollte diesmal ent­gegen allen bisherigen Erfahrungen der Durchbruch doch gelingen?

Wir alle hofften eS mit glühendem Herzen. Ich setzte alle Hebel in Bewegung, um wieder im Heere verwendet zu werden. Ich wollte dem Entscheidungskampf nicht untätig zusehen. Ich wendete mich an das Militärkabinett um eine neue Verwendung, ohne Rücksicht auf mein Dienstalter, ich bat den Großherzog von Baden um seine Ver­mittlung und schrieb auch an Ludendorff. Dieser hat sich auch für meine Wiederverwendung eingesetzt, aber schließlich ist doch nichts daraus geworden.

Wie ich befürchtet hatte, so kam es. Die am 21. März mit großem Schwung beiderseits der Somme einsetzende Offensive gelangte zwar bis vor die Tore von Amiens, dort aber lief sich der Angriff gegen die feindlichen Reserven fest. Der Stellungskrieg begann aufs neue in dem weit vorspringenden Bogen, dessen Flanken dauernd gefährdet waren.

Kein besseres Schicksal war den späteren Durchbruchsversuchen in Flandern, an der Aisne und schließlich an der Marne, dem Schicksalsfluß, beschicken.

Am 18. Juli ging Foch zur Gegenoffensive über. Eine ungeheure Anzahl von Tanks brach aus den Wäldern von Villers Cütterets gegen Flanke und Rücken der 7. deutschen Armee vor. In einer bisher nicht erlebten Weise wurden unsere abgekämpften Divisionen über den Haufen geworfen. Das war der Wendepunkt des Krieges, und unserer Obersten Heeresleitung drängte sich jetzt die Erkenntnis auf, daß die mit so großen Hoffnungen unternommene Offensive end­gültig gescheitert war und man zur Verteidigung zurückkehren mußte, r Die Offensive ist nicht etwa deshalb gescheitert, weil sie wie manche Leute behaupten strategisch falsch angesetzt war, sondern

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