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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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sie ist gescheitert, weil sie gegen die gewaltige Materialwirkung des Feindes überhaupt nicht durchdrungen konnte. Die Heeresleitung hat auch noch im vierten Kriegsjahr die Schwere der Materialschlacht unterschätzt.

Auch an Menschenzahl war der Feind überlegen. Trotz des U-Boot-Krieges standen zu Beginn der Märzoffensive zooooo Mann frischer amerikanischer Soldaten auf französischem Boden, und jeden Tag stiegen neue amerikanische Regimenter aus den großen Transportdampfern an Land. Während wir den Feind für entmutigt hielten, befestigte sich bei ihm durch den dauernden Zustrom amerikanischer Truppen der Glaube an den Sieg. Im Oktober standen zwei Millionen amerikanischer Soldaten in Frankreich.

Trotz allem hätte die Frühjahrsoffensive 1918 zu einem Ver­ständigungsfrieden führen können, wenn man sie nicht einseitig militärisch geführt hätte, sondern eine politische Offensive Hand in Hand gegangen wäre. Schon unser Riesenaufmarsch im Frühjahr 1918 hätte zu einer Friedensaktion ausgenutzt werden müssen, spätestens aber mußte sie in Wechselwirkung treten mit den großen Anfangserfolgen des deutschen Angriffs.

Wir wissen heute, daß Lloyd George und Wilson im Frühjahr 1918 bei einwandfreier Erklärung der deutschen Regierung über die Rückgabe von Belgien zu einem Verständigungöfrieden bereit gewesen wären und zwar hätten sie damals nicht die Abtretung, sondern bloß die Autonomie Elsaß-LothringenS gefordert.Aber bei uns hat es während des ganzen Krieges an der Zusammenarbeit zwischen militärischer und politischer Leitung gefehlt. Das war unser Ver­hängnis. Die Verantwortung dafür trägt der Kaiser.

Nachdem am 8. August bei dem feindlichen Angriff auf die 2. und 18. Armee ganze Divisionen vor den Tankgeschwadern versagt hatten, fand am 14. August in Spa unter Vorsitz des Kaisers die entscheidende Sitzung statt, in der zu spät der Beschluß gefaßt wurde, diplomatische Schritte zur Erreichung des Friedens einzuleiten.

In dieser Zeit wurde ich aufgefordert, der Vaterlandspartei beizutreten. Ich lehnte sofort ab, denn diese Gesellschaft mit ihrem wirklichkeitsfremden Annexionismuö war mir den ganzen Krieg über schon in der Seele zuwider gewesen. Sie hat die künstliche Hurrastimmung großgezogen, aus der heraus jeder rechtzeitige

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