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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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nieder und wollte ein bißchen mitregieren. Der Oberbürgermeister aber machte seine Sache lieber alleine.

In den ersten Revolutionötagen lud der Soldatenrat die in Baden- Baden wohnenden ehemaligen Offiziere zu einer Besprechung auf das Rathaus. Da Hindenburg die Wahl von Soldatenräten befohlen hatte, so folgte ich mit einer Anzahl von Offizieren dieser Einladung. Ich erklärte mich im Gegensatz zu meinen Kameraden bereit, an der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung mitzuwirken.

Am 12. November ordnete die badische Regierung die Bildung von Volkswehren an, denn im Waffenstillstand war für Baden eine neutrale Zone von zo Irm Tiefe vorgesehen, die innerhalb von zo Tagen militärisch geräumt sein mußte. Der Oberbürgermeister beauftragte mich, zusammen mit einem Stadtrat die Organisation der Volkswehr zu übernehmen. Gern unterzog ich mich im Ein­vernehmen mit dem Soldatenrat dieser Aufgabe.

Über die Verfassung der zurückmarschierenden Fronttruppen waren die wildesten Gerüchte im Umlauf. Veranlassung dazu hatten undisziplinierte Etappenformationen gegeben, die ohne Befehl und ohne Führung abgerückt waren und marodierend durch das Land zogen. Als aber im letzten Drittel November der Durch­marsch der Fronttruppen begann, konnte man feststellen, daß er sich in voller Ordnung vollzog. Die Landstraßen waren bedeckt mit den langen grauen Kolonnen müder Menschen, die sich über den Rhein nach dem Schwarzwald wälzten, darunter ungarische Honved, deren Bagagen von den langhörnigen Ungarochsen gezogen wurden. Die Fahrzeuge waren mit grünen Zweigen geschmückt, und die Soldaten trugen Blumen in den Knopflöchern, die ihnen von allen Seiten aus der Bevölkerung geschenkt wurden.

Es gibt heute noch Leute, die sagen, wir hätten damals hinter dem Rhein weiterkämpfen sollen und weiterkämpfen können. Ganz abgesehen von der strategischen Unmöglichkeit (feindliche Umgehung der Rheinfront durch Süddeutschland, Vordringen der Italiener nach Bayem, Einbruch der Orientarmee des Generals Franchet d'Esperey vom Osten her in Deutschland) konnte man mit diesen Truppen nicht mehr kämpfen. Sie hatten mehr als genug vom Kriege, und sie freuten sich, daß endlich Schluß war und wir alle freuten uns mit ihnen.

1S Deimling, gelt

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