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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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krieges vorzubereiten, machte ich hauptsächlich Übungen auf afrikanische Art". So ließ ich einmal nach einem Gefecht gegen markierten Feind einen Ochsen auf dem Lagerplatz schlachten und dann gleich abkochen, während die Pferde in der Nähe mit Spann­fesseln an den Vorderbeinen weideten. Während die Leute an dem zähen Fleisch kauten, hatte ich mir eine häßliche Überraschung aus- gedacht: Plötzlich überfielen die soeben zurückgeschlagenen Pseudo- hereros mit lautem Geschrei und wildem Geschieße mit Platz­patronen daö Lager. Der Erfolg war sehr lehrreich. Von den Pferden gingen allein achtzig Stück einfach durch trotz ihrer Spannfefseln. Im Laufe des Tages wurden sechzig Tiere in den umliegenden Ort­schaften aufgegriffen, während die fehlenden zwanzig erst in den nächsten Tagen zum Teil weit entfernt eingefangen werden konnten. Glücklicherweise konnte ich so beweisen, daß die Spannfesseln, die uns eine hohe Behörde nach Afrika mitgeben wollte, genau so viel taugten, wie ich befürchtet hatte.

Nach anstrengenden Wochen unermüdlicher Arbeit aller Be­teiligten konnten wir am i. Juni mit der Einschiffung des 2. Feld- regimentS in Hamburg beginnen. Zum ersten Transport gehörten der Stab und die erste Kompagnie, im ganzen iz Offiziere, Ärzte und Beamte, 192 Mann und 289 Pferde. Die übrigen Teile des Regiments sollten am 7. und 17. Juni folgen. Der Norddeutsche Lloyd hatte den TransportdampferAachen" gestellt, auf dem eine Wandelbahn für die Pferde eingerichtet war, damit sie täglich bewegt werden konnten.

Der Abschied war für uns alle ein eindrucksvolles Erlebnis. Außer den Angehörigen der Mannschaften hatten sich Tausende von Neugierigen am Petersen-Kai eingefunden. Der Komman­dierende General des IX. Armeekorps in Alton« hielt eine Ab­schiedsrede, auf die ich kurz erwiderte. Unter Hurrarufen und Tücher- schwenken der Menge machte dieAachen" auf die Minute pünktlich los. Mein braver Bursche Ganter lief, so weit er nur konnte, neben dem Schiff her und schwenkte sein Taschentuch, solange er mich sah. Ich hatte ihm noch einen Vergißmeinnichtstrauß für meine Frau in Mülhausen übergeben.

Ruhig glitt unser Schiff Lurch den Hamburger Hafen und an den schönen Elbeufern vorüber. Solange es hell war, klammerte

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