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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
Entstehung
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Das letzte Stück Land, das wir für die weiteren sechzehn Tage Seefahrt sahen, war der Pik von Teneriffa, der mit seinem Schneehaupt wie eine Pyramide aus der Wüste ganz unvermittelt aus dem Wasser aufragt. Dann war nur das Meer um unS. Nicht einem Schiff sind wir mehr aus dieser wenig befahrenen Route begegnet.

Wenige Tage später sahen wir zum erstenmal dasKreuz des Südens" am Himmel, vier schöne, hellstrahlende Sterne, die über dem Südpol stehen. Wie oft haben wir in Südwest während der Nacht nach diesem Sternbild gestarrt. Von der Heimat grüßte noch vertraut derGroße Bär" am Firmament. Der Polarstern war schon verschwunden.

Mit der Annäherung an den Äquator wurde die Hitze fast un­erträglich, und von Schlafen war während der Nächte keine Rede mehr. Müde gingen die Pferde an der Hand durch die Wandelbahn, und nie in meinem Leben habe ich so intensiven Stallgeruch gekostet, wie er dieAachen" gleich einer Wolke in der brütenden Hitze ein­hüllte. Nicht einmal die obligate Äquatortaufe brachte rechtes Leben unter unsere Leute. Ich hatte dabei Glück. Mir wurde nur ein Kübel Wasser über den Kopf gegossen, um michvorn Schmutz der nörd­lichen Halbkugel zu reinigen". Bei der Taufe habe ich den ver­pflichtenden NamenÄgir" erhalten, und in meinem Taufschein heißt es:Reich an Erfahrung, reich an Ehr', gesund zur Heimat Wiederkehr'." Nicht alle der lustigen Taufpaten haben Deutschland wiedergesehen.

Abends luden wirSchutztruppler" die Schiffsoffiziere zu einer kühlenden Bowle ein. Überhaupt war es auffallend, wieviele Ge­burtstage meine wenigen Leutnants in so kurzer Zeit zu feiem hatten. Ich habe nicht nachgerechnet, weil ich ahnte, daß solche ver­säumten Gelegenheiten in der südafrikanischen Steppe nicht nach­zuholen waren.

Mit zunehmender Entfernung vom Äquator wurde es abends wieder kühl. Wir zogen uns Paletots an und kletterten nach einem Glas Grog in die schmalen Schiffsbetten. Endlich konnten wir wieder auf Vorrat schlafen.

Am 21. Juni passierten wir die Höhe von St. Helena. Meine Erinnerungen an die Zeit auf der Kriegsakademie wurden so wach.

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