die Zeit erfüllet sei, um die deutsche Herrschaft abzuschütteln. Er wolle fünfzig Witboiö salben und mit ihnen alle Weißen aus dem Lande jagen.
Leutwein hielt es durchaus für möglich, daß Hendrik infolge seiner mystischen Veranlagung an diese Verheißung geglaubt hat. Für diese Annahme spricht auch ein Bries, den der Kapitän in jenen Tagen an Leutwein geschickt hat. In diesem Schreiben erklärte Hendrik unter vielen religiösen Phrasen, daß nicht er, sondern Gott aus dem Himmel den Vertrag mit der deutschen Regierung gebrochen habe. Leutwein, der felsenfest an die Treue Hendriks geglaubt hatte, war durch dessen Abfall auf das tiefste verbittert. Mitte November kehrte er nach Windhuk zurück und trat wenige Wochen später aus gesundheitlichen Gründen die Rückreise nach Deutschland an. Mit seiner Vertretung wurde Generalleutnant von Trotha beauftragt.
Nun hatte ich das Kommando im Namaland übemommen und machte mir meinen Kriegsplan. Vor allem galt eS, den alten Witboi in seiner Residenz Rietmont, etwa 200 km südlich von Rehoboth, anzupacken. Dort hatte er etwa 800 gut bewaffnete Leute um sich versammelt. Was an Gewehren und Munition noch fehlte, lieferte der Schmuggel aus englischem Gebiet.
Auf unsere Truppen im Süden der Kolonie konnte ich zur Zeit nicht rechnen. Dort operierte das III. Bataillon meines Regiments unter Führung deS Majors von Lengerke im Gebiet der Großen Karrasberge gegen die Bondelzwarts-Hottentotten. Dieses Bataillon war anfangs Juli in dem südlichen Küstenort Lüderitzbucht gelandet und hatte in schwerem Marsch den 125 km breiten Wüstengürtel bis Kubub auf dem sogenannten Baiweg durchquert. (Die Bahn Lüderitzbucht—Kubub wurde erst 1906 gebaut.) Ende Juli waren diese Truppen in Keetmanshoop eingetroffen und hatten von dort aus einen verlustreichen Kleinkrieg gegen die bewaffneten Banden Jacob Morengas begonnen, der von den Großen Karrasbergen aus die umliegenden Farmen brandschatzte.
Morenga, ein Hererobastard, hatte früher in südafrikanischen Minen gearbeitet und sich eine für einen Neger außergewöhnliche Bildung angeeignet. Er sprach Englisch und Holländisch, verstand auch Deutsch und hat sich im Verlauf des Krieges als ein tatkräftiger und schlauer Führer erwiesen, der uns viel zu schaffen machte.
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