Dokument 
Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
Entstehung
Seite
104
Einzelbild herunterladen

General von Trotha hielt seine Aufgabe nach dem Zusammen- bruch der Witbois für gelöst. Er trat bald darauf die Heimreise an und wurde durch Verleihung deö koui le msrits ausgezeichnet.

In der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts hatten in dieser Zeit wichtige Personalveränderungen stattgefunden. An die Stelle des bisherigen Direktors, Dr. Stuebel, war der Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg getreten. Sein Debüt vor dem Reichstag fand am 2. Dezember statt, wo er den Bau einer Bahn von Lüderitz- bucht nach Kubub zu vertreten hatte. Zu dieser Sitzung hatte der Reichskanzler mich als Kommissar des Bundesrats bestellt.

Nachdem der Erbprinz Hohenlohe die furchtbaren Zustände auf dem Baiweg und die Kostspieligkeit des Nachschubs durch den Wüstengürtel der Namib geschildert hatte, erhielt der Zentrumö- abgeordnete Erzberger, der sich damals die ersten parlamentarischen Sporen verdiente, das Wort. Obwohl er Dinge sagte, die ich nicht gerne hörte, fesselte mich die Persönlichkeit dieses Mannes vom ersten Satz an. Er sah das ganze Kolonialabenteuer mit den nüch­ternen Augen des Wirtschaftöpolitikers und war zu der Überzeugung gekommen, daß eine wirtschaftliche Notwendigkeit für den Bahnbau nicht vorliege.Welchen Wert hat überhaupt die Kolonie?" so fragte er. Das Resultat seiner Ausführungen war, daß nach dem bisher vorgebrachten Material die Zentrumspartei den Bahnbau ablehnte.

Dann gab der Präsident des Reichstages, Graf von Ballestrem, mir das Wort. Bisher hatte ich immer nur zu Soldaten gesprochen, einem Auditorium, das durchaus kein Training für den politischen Kampf der Geister darstellt. Sehr behaglich fühlte ich mich nicht auf dem parlamentarischen Glatteis. Daß dieses Gefühl nicht un­berechtigt war, sollte sich aber erst später zeigen. Ich verließ mich auch gar nicht auf bisher nicht entdeckte politische Talente in mir, sondern redete frisch von der Leber weg und nur beseelt von dem Wunsch, meinen Kameraden draußen zu helfen.

Nachdem ich die Verhältnisse auf dem Baiweg aus eigener An­schauung geschildert hatte, erinnerte ich daran, daß ich vor der Offen­sive gegen die Karrasberge die Portionen auf zwei Drittel hatte kürzen müssen. Um überhaupt operationsfähig zu sein, mußten wir auf alle Genußmittel verzichten. Wenn es nun der Kapregierung wieder einmal gefallen sollte, die Zufuhr über die Grenze zu

104