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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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sollte. ES galt dabei, die Erfahrungen des Russisch-Japanischen und des Burenkrieges sowie des AusstandeS in Südwest auszu­werten. Dieser Kommission gehörte auch der Kommandierende General des III. Armeekorps von Bülow an, dem im Weltkrieg als Führer der 2. Armee der Vorwurf gemacht worden ist, in der Marneschlacht vorzeitig den Rückzug angetreten zu haben. Damals galt er mit Recht als ein General, der sein Korps in mustergültiger Weise auszubilden verstand.

Bei den Beratungen platzten die Ansichten oft hart aufeinander, aber die Armee konnte mit dem Ergebnis zufrieden sein. Entgegen der alten preußischen Tradition war in dem Reglement von 1906 der modernen Waffenwirkung Rechnung getragen, und es enthielt dementsprechend auch Hinweise auf den Stellungskrieg, der aber als ein Beweis mangelnder Kraft und Energie, als ein Notbehelf angesehen wurde, dem man solange wie möglich entgehen müsse. Deshalb war mit Nachdruck betont, daß die gebotene Vorsicht gegenüber den modernen Waffen nicht zur Angriffsscheu führen dürfe, sondern daßunausgesetzter Drang nach vorwärts alle Teile der Angriffstruppe beseelen muß".

Diesem Angriffsgeist verdankt denn auch die deutsche Armee ihre großen Erfolge im Bewegungskrieg. Zu Anfang des Welt­krieges ist freilich die Infanterie häufig nach vorne durchgegangen, ehe die Artillerie zu ausgiebiger Wirkung kommen konnte. Schwere und vermeidbare Verluste waren die Folge. Die Verantwortung hierfür trifft aber nicht das Reglement, das größten Wert auf das Zusammenwirken der Waffen legte, sondern daS taktisch unge­schickte Draufgängertum einzelner Truppenführer.

Unter meinen Papieren aus jenem Winter befindet sich auch eine Einladungauf Allerhöchsten Befehl Ihrer Kaiserlichen und Königlichen Majestäten" zur Vermählung des Prinzen Eitel- Friedrich von Preußen mit der Herzogin Sophie von Oldenburg und zu der gleichzeitigen Feier der Silbernen Hochzeit des Kaiser­paares. Zum ersten und zugleich auch zum letzten Male sah ich den ganzen Prunk der kaiserlichen Hofhaltung sich im Berliner Schloß entfalten. Das eindrucksvollste Bild dieser Doppelfeier aus der Glanzzeit einer versunkenen Epoche war der Fackeltanz, der nach Aufhebung der Tafel im Weißen Saal stattfand. ES ist dies ein

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