Rundgang unter Vorantritt des Oberst-Marschalls, dem zwölf Pagen mit weißen Wachsfackeln paarweise folgen. Zuerst „tanzte" das Jubelpaar, Kaiser und Kaiserin, dann die Neuvermählten und schließlich alle anwesenden Fürstlichkeiten. Nach dem Fackeltanz wurden die Neuvermählten mit Fackeln bis vor ihre Gemächer geleitet, wo die Oberhofmeisterin der Braut die Verteilung des Strumpfbandes vornahm. So bekam jeder Festteilnehmer eine diskrete, wenn auch eigens für diesen Zweck angefertigte Erinnerungsgabe.
Wie schnell sich die Zeiten ändern! Wenig über ein Jahrzehnt ist erst vergangen, seitdem die Monarchie zusammengebrochen ist und mit ihr der Glanz der Fürstenhöfe. Heute würden wir über solche Bilder höfischen Prunks lächeln wie über einen Film aus der Biedermeierzeit.
Draußen in Afrika gingen die Kämpfe immer noch weiter. Namentlich Cornelius machte den Truppen hart zu schaffen. Dieser gewandte Bandenführer war wie eine Stechfliege, die immer zurückkehrt, so oft man sie auch verscheucht. Nachdem er aber mehrfach geschlagen und scharf verfolgt worden war, lieferte er Anfang März 1906 seine Waffen ab.
Auch aus dem Südbezirk kam erfreuliche Kunde. Morenga war bei einem Gefecht verwundet worden und stellte, sich der englischen Kappolizei, die ihn zoo km östlich unserer Grenze internierte. Die aufständischen Hottentotten hatten so ihren tüchtigsten Führer verloren, setzten aber den Kleinkrieg mit unverminderter Kraft fort. Besonders die Bondelzwarts unter Johannes Christian zeigten sich sehr unternehmungslustig.
Mich hatte schon seit langer Zeit die Sehnsucht nach Südwest gepackt. So war ich hocherfreut, als ich am 21. Mai zum Kommandeur der Schutztruppe ernannt wurde. Am 14. Juni wollte ich mit Dampfer „Herzog" von Antwerpen die Ausreise antreten.
Vorher aber sollte ich mir noch einen schlechten Abgang im Reichstag machen. Hier standen zwei Anträge zur Beratung: Verlängerung der im Dezember bewilligten Eisenbahn Lüderitzbucht— Kubub um 220 lem bis Keetmanshoop und die Errichtung eines selbständigen Kolonialamts mit einem Staatssekretär an der Spitze an Stelle der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts. Am 26. Mai
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