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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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an der Sache dran ist. Im übrigen liegt sie bereits dem General­kommando vor."

Die Leute nahmen die Anrede ruhig auf und traten zurück. Der Oberst ging in die Wirtschaft und fand dort den Leutnant von Forstner mit anderen Offizieren an einem Tisch, während an Neben- tischen Arbeiter und Bürger saßen. Aus ihren Reihen soll vor dem Eintreten des KommandeursVivs Is, Uranoo!" gerufen worden sein. Oberst von Reuter befahl dem Leutnant von Forstner, ihm in die Kaserne zu folgen, und durchschritt mit ihm und einem anderen Offizier die Menge, die ohne Belästigung der Offiziere Platz machte. Bald darauf verlief sich die Ansammlung.

Am folgenden Tage, Sonntag, den 9. November, hatte Leutnant von Forstner unglücklicherweise als Offizier der Ronde die Wachen zu revidieren. Am frühen Nachmittag ging er in Ausübung seines Dienstes in Begleitung eines Sanitätsoffiziers durch die Stadt zur neuen Kaserne. Da sich schon wieder Ansammlungen zeigten, sandte er einen ihm begegnenden Musketier nach der Schloßwache zurück, mit dem Auftrag, ihm sofort Begleitmannschaften nachzu­senden. In deren Begleitung ging er dann unbehelligt, aber gefolgt von einer großen Menschenmenge nach der Schloßkaserne. Die auf Grund der Vorgänge am Abend vorher von der Kreisdirektion (dem preußischen Landratsamt entsprechend) herangezogene Gen­darmerie verhinderte Ausschreitungen.

Der Regimentskommandeur sah die Ansammlung vor der Kaserne und erhielt die Mitteilung, daß eine große Demonstration geplant sei. Er ließ darauf die Wache verstärken und verbot den Mannschaften das Verlassen der Kaserne. Ferner ordnete er an, daß eine Kompagnie jedes Bataillons sich fertigzumachen habe und daß scharfe Patronen auszugeben seien. Dann teilte er der Kreis- direktion schriftlich mit, daß er das Eingreifen der Regierung erwarte und wenn dieö nicht helfen würde, die Erklärung des Belagerungs­zustandes werde beantragen müssen.

Als die Demonstranten merkten, daß militärische Vorkehrungen für ein Eingreifen getroffen wurden, zerstreuten sie sich. Gegen fünf Uhr nachmittags kam es zu neuen Ansammlungen, in denen gejohlt und geschrien wurde.

Auf seinem Rückweg von der Kaserne nach seiner Wohnung

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