mein ganzes Leben hindurch kennengelernt. Das wollte ich doch im Falle Deimling sagen. Der Grundfehler liegt darin, daß der Oberst von Reuter nicht die Einsicht hatte, daß dem verletzten Ehrgefühl des ganzen Elsässer Stammes nur dadurch die nötige Sühne zuteil werden konnte, wenn der Leutnant von Forstner sofort aus Jabern verschwand. Der Oberst hätte die Möglichkeit des Urlaubs gehabt."
Nach Fehrenbach kam der nationalliberale Abgeordnete von Calker, Strasrechtslehrer an der Straßburger Universität, zu Wort. „Alles wieder kaputt", rief er aus. Es sei ihm manchmal nahe am Heulen gewesen. Wenn die Militärverwaltung gleich zu Anfang eine beruhigende Erklärung dahin abgegeben hätte, daß der Leutnant für seine beleidigenden Ausdrücke bestraft werden würde, so wäre es nie zu dieser ganzen Geschichte gekommen. Aber das sei nicht geschehen, unter dem Gesichtspunkt einer falschen Prestigepolitik.
Dann verlas der Präsident des Reichstages einen Antrag: „Der Reichstag wolle beschließen, daß die Behandlung der Angelegenheit durch den Herrn Reichskanzler der Anschauung des Reichstages nicht entspricht." Darauf ging man bis zum anderen Morgen auseinander.
Am nächsten Tag ergriff zuerst der Reichskanzler das Wort. Er hatte wieder keinen glücklichen Tag. Ms er sagte, die erste Aufgabe wäre, Harmonie zwischen Militär- und Iivilverwaltung herbeizuführen, rief ihm der Abgeordnete Ledebour zu: „Sagen Sie daS dem Kriegsminister." Darauf der Reichskanzler: „Ich stehe in vollem Einvernehmen mit dem Kriegsminister." Stürmische Rufe: „Hört, hört!", und Ledebour rief Bethmann Hollweg zu: „Sie haben ja vollständig den Kopf verloren." Der Schluß der Kanzlerrede ging in der allgemeinen Unruhe fast unbeachtet unter.
Dann sprach der konservative Abgeordnete Rogalla von Biederstem, der sowohl mich wie daö Militär in Jabern in Schutz nahm. Der Reichsparteiler von Gamp-Massaunen erklärte dagegen, daß die Schuld sich auf Militär- und Iivilbehörden verteile. Beide hätten ihre Pflicht nicht getan.
Nach einer scharfen Attacke gegen die Regierung, die der Sozial- demokrat Dr. Weill aus Metz ritt, sprach der Fortschrittler vi. Haas aus Baden. Er sah die großen Prinzipien bürgerlicher Freiheit von
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