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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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von Reichweiler her, alarmierte das nördlich Wittelsheim lagernde Jaberner Regiment 99 und ließ es mit aufgepflanztem Seiten­gewehr im Sturmschritt an den Südausgang des Ortes vor­gehen. Die vordersten Kompagnien der 99er stießen dabei auf rück­wärtige Teile der 105 er, die sie in der Dunkelheit für Franzosen hielten. Trotz des Verbots zu schießen, eröffnete die vorderste Kompagnie der 99er das Feuer auf die sächsischen Kameraden vom Regiment 105, die sofort lebhaft zurückschössen. In dem nacht- dunklen Ort entstand ein fürchterliches Durcheinander, ein wildes Geschieße und Gebrüll, dem eine regelrechte Panik folgte. Die aus der Straße haltenden Kolonnen machten kehrt und jagten im Galopp nach Bollweiler zurück. Andere Kompagnien der 99er südlich Staffelselden eröffneten mit Maschinengewehren das Feuer gegen das furchtbare Durcheinander. Den Offizieren gelang es nicht, die Panik zu meistern, bis der Divisionskommandeur nach etwa zehn Minuten das vertraute Manöversignal:Das Ganze halt!" blasen ließ. Endlich konnte das sinnlose Feuer abgestoppt werden. Tatsächlich war gar kein Feind dagewesen. Anscheinend ist eine zurückkommende Kavallerie-Patrouille in der Dunkelheit für eine feindliche Kolonne gehalten worden.

Glücklicherweise war die Zahl der Verwundeten und Toten, im ganzen etwa fünfzig, verhältnismäßig gering. Dieser Umstand ist wohl darauf zurückzuführen, daß die Mehrzahl der Schützen nach alter Friedensgewohnheit Hochanschlag gemacht hat und die Kugeln so zum größten Teil keinen Schaden anrichten konnten. Leider fand bei dieser Panik der Kommandeur des sächsischen Regi­ments 105, Oberst Allmer, den Tod. Erst gegen Mitternacht waren die Truppen wieder so weit geordnet, daß zur Ruhe übergegangen werden konnte.

Während des ganzen Nachmittags bis in die Nacht hinein hatten wir starken Kanonendonner von Mülhausen her gehört. Was hatte sich dort ereignet?

Das links von meinem Korps vorgehende XIV. Armeekorps war nachmittags bei Mülhausen auf den Feind gestoßen, der eine starke Stellung in den nördlich vorliegenden Dörfern, hinter der Ringbahn und besonders auf dem Höhengelände östlich der Stadt besetzt hielt. Es kam zu schweren Kämpfen, die teilweise bis in die

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