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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Die Kampfkraft unserer Truppen war bis auf das äußerste erschöpft, während die Franzosen, die vor dem deutschen Rückzug schon sichtbare Zeichen der Demoralisierung gezeigt hatten, durch dasWunder der Marne" mit neuer Siegeszuversicht belebt waren. Die Gefechtsstärken der einzelnen Kompagnien waren furchtbar zusammengeschmolzen. Vor mir liegt die Regimentsgeschichte der 99er aus Zabern. Schon vor dem Einsatz an der Aisne hatte dieses Regiment 40 Offiziere und 992 Mann, also ein Drittel seines Bestandes, an Toten und Verwundeten verloren. Von meinen alten Regimentskommandeuren hatte ich nur noch zwei. Die anderen waren tot oder schwerverwundet. Das Schlimmste aber war, daß die Artilleriemunition zu mangeln begann. Von oben wurde den Truppen äußerste Sparsamkeit zur Pflicht gemacht. General von Falkenhayn, der am 14. September für den schwerkranken General von Moltke die oberste Leitung des Heeres übernommen hatte, befahl sogar: das feindliche Artilleriefeuer solle unterlaufen und die Stellungen sollten durch überraschenden, überfallartigen An­griff gestürmt werden.

Mit grimmigem Hohn haben wir diesen Befehl vom grünen Tisch entgegengenommen. Wir wünschten nur, daß die Herren von der Obersten Heeresleitung uns einmal vorgemacht hätten, wie man feindliche Granatenunterläuft". Wir hätten es dann schon nach­gemacht. An die Truppe habe ich diesen wirklichkeitsfremden Befehl gar nicht weitergegeben, um ihr unnötige Verbitterung zu ersparen.

Auf der Höhenlinie des Chemin des Dames gruben wir uns ein. Dicht gegenüber entstanden die französischen und englischen Schützen­gräben. Maulwurfartig ging es immer tiefer in die Erde. Vor den Gräben entstanden Hindernisse, Stacheldraht wurde bei Dunkelheit von Pfahl zu Pfahl gespannt und unentwirrbar verknotet. Es zeigten sich auf beiden Seiten die Anfänge jenes Zustandes, den man später als Stellungskrieg, als dasErstarren der Fronten" bezeichnet hat. Dabei handelte es sich um nichts Geplantes oder Gewolltes. Zu weiterem Angriff auf breiter Front langte der Atem nicht mehr, und freiwillig zurück konnte und wollte keiner. So ver­sanken die Truppen hinter einer Barriere von Stacheldraht in die Erde, die allein den Menschen dürftigen Schutz bot im Iweikampf der Kriegstechnik, der den folgenden Jahren das Gepräge gab.

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