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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Fast vier Wochen lag das XV. Korps in seinen Stellungen auf dem Chemin des Darnes, als am 19. Oktober Ablösung kam. Mein Korps wurde zu anderweitiger Verwendung aus derruhigen Front" herausgezogen.

JoffreS Versuch, einen Keil zwischen die 1. und 2. Armee zu treiben und so unsere Front zu durchbrechen, war mißlungen. Er faßte jetzt den richtigen Entschluß, den gegen die Grunderfordernisse des Schlieffenplans gefährlich verkürzten rechten Flügel des deutschen Heeres von Norden zu umfassen und aufzurollen. Dadurch hoffte er, uns strategisch auf die Maaslinie zurückzuwerfen und so Nordfrankreich und Belgien vom Feinde zu befreien.

Falkenhayn nahm den Kampf hiergegen energisch auf und plante darüber hinaus noch, sobald als möglich wieder offensiv zu werden, um die verlorengegangene Initiative wieder an sich zu reißen. Beide Gegner zogen alle im Süden und in der Mitte ent­behrlichen Kräfte heraus und warfen sie nach Norden, in dem Be­streben, den Feind zu überflügeln. So entstand derWettlauf zum Meere", an dem auch das XV. Armeekorps teilnahm.

In anstrengenden Märschen hinter der Front zogen wir über St. QuentinCambraiDouai nach Norden und trafen am 28. Oktober in Lille ein.

Auf dem Durchmarsch suchte ich in St. Quentin den General­oberst von Bülow, den Führer der 2. Armee, auf. Ich fand ihn viel weniger frisch, als ich ihn einst gekannt hatte. Beim Frühstück trank er ganz gegen seine Gewohnheit in Friedenszeiten Selterwasser. Sein Stabschef, General Lauenstein, machte einen völlig über­müdeten, fast kranken Eindruck.

Von Bülow erfuhr ich Näheres über die in Belgien neu zu­sammengestellte 4. Armee unter dem Herzog Albrecht von Württem­berg. Sie bestand aus den bisherigen Belagerungstruppen der Festung Antwerpen, die am 9. Oktober gefallen war. Außerdem waren dieser Armee vier soeben in der Heimat verwendungsbereit gewordene neue Korps unterstellt worden, die hauptsächlich aus Schülern und Studenten bestanden. Bülow bezeichnete es als einen schweren Fehler, diese wohl kriegsbegcisterten, aber ungenügend ausgebildeten Truppen unter Führung noch nicht kriegserfahrener, zum großen Teil überalterter, reaktivierter Offiziere auf dem Ent-

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