stand, während wir wie eine belagerte Festung unsere Reserven an Lebensmitteln und Rohstoffen mehr und mehr aufzehrten. Schon wurden die Kirchenglocken in den französischen Dörfern abmontiert und eingeschmolzen, die Messingklinken von den Türen abgeschraubt, und meine Frau hatte schon ihre kupfernen Kochkessel hergegeben. Brot und Fleisch waren daheim kläglich rationiert. Kohlrüben und Marmelade! Und wir wollten „zermürben"!
Einmal ärgerte ich mich schlagrührend. War da ein frischgebackener Generalstabshauptmann zu meinem Stab gekommen. Eines Tages nehme ich ihn mit in die Stellung, und auf dem Rückweg erzählt er mir, die ganze Gegend mit der Festung Verdun müsse bei Friedensschluß deutsch werden. Auf meine Frage, wie er auf diesen famosen Einfall käme, sagte er mir, daß man in Berlin allgemein so denke. Ich habe ihm schön heimgeleuchtet. Zum Durchhalten waren unsere Truppen bereit, aber nicht für Annexionen, sondern für einen ehrenvollen Frieden von Bestand, damit die Söhne nicht noch einmal dasselbe durchmachen müßten wie ihre Väter.
Ich lag in Amermont im Quartier, einem ärmlichen Arbeiterdorf, das von einer Erzgrube in der Nähe gelebt hatte. Ich konnte jeden Schuß hören. Unaufhörlich schlugen die Granaten in unsere Gräben, und nachts schmetterten die.Bomben der französischen Flieger in unsere Unterkunftsräume und Waldlager. Jeder „ruhige" Tag brachte einen Verlust von 50—ioc> Toten, Verwundeten und Gaskranken. Alles in mir lehnte sich innerlich auf gegen das wahnwitzige, unsagbar grausame und noch dazu falsche Rechenexempel unserer Heeresleitung: zehntausend Tote bei uns, vielleicht zwölf- oder fünfzehntausend Tote beim Gegner, hunderttausend Tote bei uns, vielleicht hundertfünfzigtausend beim Gegner. Ausbluten! Zermürben! Manche Nacht bin ich bis zum Hellwerden in meinem Zimmer auf und ab gerannt. Wenn ich als Kommandierender General, statt zu führen, statt durch taktische Überlegenheit und durch die Erfahrungen eines langen Soldatenlebens meinen Truppen zum Sieg unter kleinsten Opfern zu verhelfen, nur daö ausführende Organ einer schematisierten Knochenmühle war, wie konnte ich daS Opfern meiner Leute vor meinem Gewissen verantworten! Damals in dem kleinen schmutzigen Fabrikhaus in Amermont gab
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