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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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werden sollten. Damit war mein Korps, wie früher schon die meisten anderen, der Auflösung als fester Truppenverband ver­fallen.

Der Generalstab wollte kleinere Kampfeinheiten eben die Divisionen haben, um sie je nach Bedarf bald dahin bald dorthin werfen zu können. Die Kommandierenden Generale wurden so Abschnittskommandeure, deren Regimenter wie im Taubenschlag wechselten, ohne daß sich ein Band menschlichen Vertrauens zwischen Führer und Truppe knüpfen ließ.

Die Trennung von meinen Regimentern, die ich 2*/- Jahre lang in den schweren Schlachten an der Westfront geführt hatte, ist für mich sehr hart gewesen. Wie gerne würde ich in meinen Erinnerungen der Ruhmestaten einzelner Verbände und einzelner Menschen aus­führlicher gedenken, wie sie in meinem Tagebuch verzeichnet stehen und wie ich sie nie vergessen werde.

Mein Stab wurde Anfang Dezember der Armeeabteilung L in den mittleren Vogesen als Gruppenkommando zugewiesen. Vor dem Einsatz besuchte ich meine Familie in Straßburg, wo ich als Großvater an der Taufe des Jungen unserer Tochter Anna teil­nehmen konnte, die sich zu Kriegsbeginn mit Oberleutnant Schröer (F.-A./76) verheiratet hatte. Dem guten Beispiel der Schwester war ein Jahr danach unsere jüngste Tochter Charlotte gefolgt, die die Frau des HauptmannS Gense, eines Fliegeroffiziers meines Armee­korps, wurde. Auch sie bekamen einen Jungen, so daß es mit dem zwei Jahre vor dem Krieg in Neetzow geborenen Stammhalter drei Enkel von mir gibt.

^ Wenn ich in Straßburg mit Bekannten sprach, so war ich

geradezu Entsetzt über die rosig gefärbte Selbsttäuschung, mit der ' ' die Menschen in der Heimat unsere militärische Lage betrachteten:

x -r . Flandern und Antwerpen müßten wir natürlich behalten, auch das Erzbecken von Briey müsse deutsch werden, desgleichen Litauen und Kurland. Auch die nötigen Fürstlichkeiten hatten die guten Leute schon in Bereitschaft, einen mecklenburgischen Herzog für Kurland, und Prinz Heinrich, der Bruder des Kaisers, müsse König von Polen werden. Dieses Land war ja schon auf die bedenkliche Anregung des Generalgouverneurs, General von Beseler, von den Regierungen der Mittelmächte zum Königreich befördert worden. Natürlich hatten

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