Dokument 
Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
Entstehung
Seite
224
Einzelbild herunterladen

Rohstoffen, einer hochentwickelten Industrie und einer zähen, unverbrauchten Volkskraft.

Mit ernster Besorgnis nahmen wir an der Front die Nachricht vom Eintritt Amerikas in die Reihe unserer Feinde auf, obwohl von oben dieses Ereignis als eine platonische Geste ohne militärische Bedeutung hingestellt wurde. Groß aber war unsere Freude, als einige Wochen darauf, am i8. März, die Kunde vom Ausbruch der russischen Revolution kam. Der Zar aller Reußen war abgesetzt und verhaftet worden. Doch unsere Hoffnungen auf schnellen Zu- sammenbruch der russischen Front haben sich leider nicht erfüllt. Es gelang den Ententemächten, die neue russische Regierung unter Kerenski noch bei der Stange zu halten und den Gedanken an einen Sonderfrieden nicht zur Tat werden zu lassen.

In meiner damaligen Stellung bekam ich auch näheren Einblick in die Handhabung der Militärdiktatur im Elsaß. Sie war vielfach unnötig rigoros. Gewiß waren Maßregeln zur Verhütung der Spionage nötig, und auf jedem Grenzland lastet der Krieg besonders hart. Aber was damals im Elsaß geschah, hat doch den Bogen über­spannt. Die Gefängnisse waren überfüllt, und oft erfolgten Ver­haftungen nur auf Denunziationen von persönlichen Gegnern hin. Hunderte von Elsässern wurden aus kleinlichen Gründen von Beruf und Familie getrennt und im Inneren des Reichs untergebracht. Besonders aber litten die Urlauber aus dem Felde unter diesen Ver­hältnissen, denen oft grundlos oder in ängstlichem Übereifer der Besuch ihrer Angehörigen verboten wurde. Das mußte Verbitterung schaffen, denn ein Soldat, der sein Leben für das Vaterland einsetzt, kann auch verlangen, daß ihm als Staatsbürger Vertrauen ent­gegengebracht wird. Ich habe wiederholt durch ernste Vorstellungen beim Oberkommando und beim Statthalter auf Abhilfe gedrungen. Viel Glück habe ich damit allerdings nicht gehabt.

Mit dem Einzug des Frühlings kamen auch die Fürstlichkeiten, um ihre Landeskinder an der ruhigen Front zu besuchen, der König von Bayern, der deutsche Kronprinz, Herzog Albrecht von Württem­berg und zuletzt der Großherzog von Baden.

Ende Mai erhielt ich ein Telegramm vom Militärkabinett, daß mich der Kaiser zum Chef des Infanterie-Regiments iZ 2 emannt habe, eine Auszeichnung, die nur ganz selten Generälen zuteil

224