von Großadmiral von Tirpitz stehende „Vaterlandspartei" eine gehässige, mit leicht erworbenen Kriegsgewinnen genährte Propaganda. „Schmach- und Verzichtsfrieden" nannten diese Leute den in der Reichstagsresolution geforderten Frieden.
Die Kriegöziele der Vaterlandsparteiler gingen noch über die der Obersten Heeresleitung hinaus. Zeebrügge und das französische Flandern müßten deutsch werden, nicht nur Belgien, das Erzbecken von Briey, Kurland, Litauen und Teile von Polen.
Bethmann stürzte über die Reichstagsresolution, und Michaelis wurde Reichskanzler. Seiner politischen Unzulänglichkeit blieb es vorbehalten, die immerhin mögliche Wirkung der Friedensresolution verpuffen zu lassen. Angesichts der starken Opposition der Rechten traute das Ausland der Friedenssehnsucht der großen Masse des deutschen Volkes nicht.
Und trotzdem blieb der Friedensgedanke lebendig, nicht nur bei uns, sondern auch in den Ländern der Entente. So versandte der Papst am i. August 1917 seine Friedenönote an alle Kriegführenden. Er ermähnte in allgemein menschlichem und christlichem Sinne zum Frieden, ging dann aber auch zu politischen Vorschlägen über. Von deutscher Seite müsse Belgien freigegeben und geräumt werden.
Aber was geschah? Anstatt die von der ganzen Welt erwartete eindeutige Erklärung über den Verzicht auf Belgien abzugeben, antwortete der Reichskanzler Michaelis unter dem Druck der Heeresleitung so bedingt, daß der Papst sich sagen mußte und sich gesagt hat: „Ich höre aus allem nur daS Nein!" Damit war die päpstliche Friedensaktion gescheitert.
Wie sehr damals die Reichsregierung von der Heeresleitung abhängig war, haben wir nachträglich aus den Verhandlungen des parlamentarischen Untersuchungsausschusses über den päpstlichen Friedensschritt erfahren. Dort sagte Staatssekretär a. D. von Kühlmann, einst Michaelis rechte Hand, bei seiner Vernehmung aus, die Oberste Heeresleitung „hätte einen ganz außerordentlich starken politischen Einfluß ausgeübt und die politische Leitung sei ohne Verständigung mit der Heeresleitung an Händen und Füßen gefesselt gewesen".
Ob die Papstaktion im Falle einer deutschen Verzichterklärung auf Belgien wirklich zum Frieden geführt hätte, vermag heute niemand
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