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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Versuch zu einem Verständigungsfrieden sabotiert wurde. Diese Leute hatten gut annektieren. Sie haben ja nichts von den feindlichen Granaten und nichts von der Hungerblockade zu spüren bekommen, ebensowenig wie die Schieber und Kriegsgewinnler, die jedem Sol­daten und Arbeiter ein Greuel waren.

Ein Faktor, der viel zur Unzufriedenheit der Massen beitrug, war die Ablehnung der Reform des preußischen Dreiklaffenwahlrechts durch die Konservativen auch jetzt noch im vierten Kriegöjahr. Die Leute sagten sich, daß draußen an der Front auch nicht die Truppen in drei Klassen eingeteilt seien: die Reichsten im ersten Graben, die Wohlhabenden im zweiten und die Armen im hintersten Graben, sondern daß die Armen genau wie die Reichen im vordersten Graben kämpfen mußten.

Ende August erlebte ich noch die freudige Genugtuung, daß die elsässische Reichstagsfraktion meine Berufung als Stellvertreten­den Kommandierenden General für das Elsaß beim Militärkabinett beantragte, leider ohne Erfolg. Ich habe aber in dem Wunsche der Abgeordneten ein Zeichen für die Erkenntnis erblickt, daß ich es immer gut mit den Elsässern gemeint habe.

Im September wurde unsere Lage verzweifelt. Osterreich- Ungarn sandte ein Friedensangebot an die Entente, die bulgarische und türkische Front wurden durchbrochen, an der italienischen Front gingen amerikanische Truppen zum Angriff vor, und Foch verstärkte den übermächtigen Druck auf unsere Westfront.

Am 29. September erkannte die Heeresleitung endlich die Hoff­nungslosigkeit der Lage und forderte die Reichöregierung zu sofor­tigen Waffenstillstandsverhandlungen auf. Prinz Max von Baden, der am z. Oktober als Nachfolger des Grafen Hertling das Reichs­kanzleramt übernommen hatte, wehrte sich gegen einen übereilten Verzweiflungsschritt. Da schrieb Hindenburg am z. Oktober:

Noch steht das deutsche Heer festgefügt und wehrt siegreich alle Angriffe ab. Die Lage verschärft sich aber täglich und kann die Oberste Heeresleitung zu schwerwiegenden Entschlüssen zwingen. Unter diesen Umständen ist es geboten, den Kampf abzubrechen, um dem deutschen Volk und seinen Verbündeten nutzlose Opfer zu ersparen. Jeder versäumte Tag kostet Tausenden von tapferen Soldaten das Leben."

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