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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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ihnen wollten manche lieber tot sein, als diesen Schandfrieden an­nehmen. Heute aber freuen sie sich und ich freue mich mit ihnen, daß sie noch leben in einem Deutschland, dessen nationale Einheit, dessen politisches, wirtschaftliches und kulturelles Dasein nur durch Annahme des Friedens gerettet werden konnte.

Daß ich und alle, die damals für die Unterzeichnung eingetreten sind, die Bedingungen des Versailler Vertrages genau so un­geheuerlich, demütigend und auf die Dauer unerträglich empfanden wie die anderen, brauche ich nicht zu versichern.

Der Versailler Vertrag ist auf der Lüge aufgebaut, daß Deutsch­land der Kriegstreiber in Europa gewesen sei, während alle andern unschuldig wie die Lämmer waren. Heute aber weiß jeder, daß alle großen europäischen Nationen im Banne des Imperialismus ihr gerütteltes Maß zur Zusammenballung des Weltkrieges beigetragen haben und somit alle mag ihre politische Leitung auf leisen Sohlen oder mit klirrenden Sporen operiert haben gleich schuldig waren.

Hatte schon mein Artikel über den Friedensvertrag einen Sturm von Entrüstung in den Rechtskreisen entfacht, so sollte das bald noch besser kommen, als mein Brief, den ich am 4. August 1919 an den Reichsfinanzminister Matthias Erzberger geschrieben hatte, in der Presse veröffentlicht wurde.

Ich hatte Erzberger bei meinem kolonialen Gastspiel im Reichs­tag 1905/06 persönlich kennengelernt. Er hatte damals das Ver­dienst, sehr peinliche Korruptionen im Lieferungswesen für den Kolonialkrieg aufzudecken. Als ich 1907 wegen meines Verstän­digungsfriedens mit den Hottentotten scharf angegriffen wurde, hatte sich Erzberger für mein Handeln im Reichstag mit seinem gewohnten Elan eingesetzt.

Im Weltkrieg habe ich seinen Kampf für Abkürzung des Krieges mit wahrer Sympathie verfolgt, ebenso wie nun sein Wirken als Reichsfinanzminister der jungen Republik. Er hatte sich zu einem gerechten und darum kühnen Finanzprogramm entschlossen. Erz­berger wollte die Vermögen der Besitzenden entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit zu den schweren Kriegstributen heranziehen und verhindern, daß alle Lasten auf die Schultern der arbeitenden Be­völkerung abgewälzt würden.

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