gefehlt, und ich erhielt tatkräftige Unterstützung von dem sachlich eingestellten Teil der deutschen Presse.
> Mein stärkstes Erlebnis in dieser Zeit war ein Besuch in Weimar. Die Nationalversammlung hatte kurz vorher die neue Reichsverfassung in Kraft gesetzt.
Mein Freund Fehrenbach, der Präsident der Nationalversammlung, verschaffte mir Zutritt, und so konnte ich von einer Loge aus einige der Männer sprechen hören, die sich um daS Zustandekommen der Verfassung verdient gemacht haben.
Am 2i. August, bei der letzten Sitzung der Nationalversammlung, leistete Reichspräsident Ebert den Eid auf die Verfassung. Dann begab er sich mit den Ministem und Abgeordneten auf den Balkon deS Theaters, vor dem eine Ehrenkompagnie der Reichswehr Aufstellung genommen hatte. Eine dichtgedrängte Menge, darunter auch ich, begrüßte den Reichspräsidenten mit jubelnden Zurufen. Nach einer kurzen Ansprache EbertS brauste ein begeistertes dreifaches Hoch auf die deutsche Republik gen Himmel.
Ich stand am Denkmal von Goethe und Schiller vor dem Theater, und ich war der festen Zuversicht, daß die beiden, wenn sie diesen Tag erlebt hätten, mit uns im Feuer ihrer Begeisterung für die Freiheit eingestimmt hätten in unser Hoch, das uns allen aus tiefster Seele kam.
Wohl hatte die Weimarer Verfassung nach dem tiefen Sturz deS Reiches wieder einen festen Boden für den Wiederaufbau geschaffen, aber die Not des Volkes war zu schwer, als daß eine rasche Beruhigung der entflammten Leidenschaften Platz greifen konnte. Die Lebensmittelversorgung war immer noch trostlos, da die Feindmächte die Blockade nicht vollständig aufgehoben hatten. Dazu fehlte es an Kartoffeln und Kohlen. Millionen litten unter Hunger und Kälte.
Die Linksradikalen nutzten die Unzufriedenheit der Massen zur Entfachung von Streiks und Unruhen aus. Aber auch die Nationalisten wagten sich jetzt, nachdem die Männer von Weimar das Reich aus schwerster Gefahr gerettet hatten, wieder hervor aus ihrer sorgsamen Zurückhaltung und suchten die rühmlos aufgegebene Machtposition im Staat zurückzugewinnen. Und wie daS immer so geht: die Kämpfe von links gegen die Demokratie kamen den Feinden
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