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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Der Kaiser ließ mir durch einen seiner ehemaligen Adjutanten für meinen Brief danken und mitteilen, daß er den betreffenden Artikel nicht zu Gesicht bekommen habe, und selbst wenn er ihn gelesen hätte, würde er der Behauptung nicht geglaubt haben. Meinen politischen Gedankengängen könne er nicht zustimmen, wolle sich aber des Eingehens darauf enthalten.

Das Jahr 192z stellte das deutsche Volk noch einmal auf eine harte Probe.

Im Londoner Ultimatum vom Mai 1921 war die Reparations­schuld Deutschlands mit 1Z2 Milliarden Goldmark festgesetzt worden, unter Androhung der Ruhrbesetzung bei Nichtzahlung der fälligen Raten. Die Aufbringung der verlangten Summen war unmöglich, obwohl das Kabinett Wirth (Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten) sich bemühte, nach Kräften zu erfüllen. Die Entente konstatierte dannVerfehlungen" gegen den Ver- sailler Vertrag und marschierte am n. Januar 192z in das Ruhr­gebiet ein.

Schon Ende 1922, als alle Verständigungsversuche mit den Siegern gescheitert waren, hatte das Erfüllungskabinett Wirth einem rein bürgerlichen Ministerium unter der Kanzlerschaft von Cuno, dem ehemaligen Generaldirektor der Hamburg-Amerika- Linie, Platz gemacht. Dieses Kabinett Cuno stellte die Reparations­zahlungen ein und nahm denpassiven Widerstand" auf. Ein ge­wagtes Unternehmen. Wir hatten wieder Krieg, wenn auch mit an­deren Waffen. Wieder mußte der siegen, der den längeren Atem hatte.

Für die Ruhrbevölkerung, die von dem französisch-belgischen Militär hart mitgenommen wurde, begann eine schwere Leidenszeit. Die große Mäste des deutschen Volkes stand unter dem furchtbaren Druck der Inflation, in rapidem Tempo zerfiel die Mark, und die Löhne in immer wertloserem Papiergeld blieben weit hinter der notdürftigsten Kaufkraft zurück. Breite Schichten des Mittelstandes und der Kleinrentner verloren ihr sauer erspartes Vermögen. Auch das wenige, was ich mir als Notpfennig für unsere unverheiratete Tochter Elisabeth zurückgelegt hatte, ging den Weg aller Ersparnisse von Menschen, die mit Kurszettel und Börse nichts anzufangen wußten. Um wenigstens etwas für meine betagten Schwestern

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