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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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sorgen zu können, mußte ich manch altes Familienstück veräußern. Aber was waren solche kleinen Kümmernisse gegen die unsagbare Not von Millionen.

Anstatt die Mittel zum Ruhrkampf durch Steuern auf den Besitz, auf die riesigen Kriegs- und Jnflationsgewinne der Nutznießer des nationalen Unglücks aufzubringen, machte sich das Kabinett Cuno die Sache bequem. In den Druckereien wurde in Tag- und Nacht­schicht Papiergeld hergestellt. Anfang Oktober 192z kostete der Dollar eine Milliarde, bis er schließlich im November auf 4,2 Billionen stieg. Und da ging es nicht weiter.

Der Ruhrkampf war für uns verloren. Er war ja eigentlich schon längst verloren, aber anstatt auf dem Höhepunkt des Kampfes etwa im Mai eine Verständigung anzustreben, wurde genau wie im Kriege der Bogen überspannt, bis die letzte Widerstandskraft erschöpft war. Selbstsüchtige Einflüsse von Interessenten haben auch hier die Verlängerung des Kampfes bewirkt. Jetzt stand das Reich vor dem finanziellen Ruin.

Der Reichskanzler Cuno wurde gestürzt, und dem nun folgenden Kabinett Stresemann (große Koalition) fiel die schwere Aufgabe zu, den Ruhrkampf zu liquidieren und eine wertbeständige Währung zu schaffen. Als im November die neue Rentenmark zur Ausgabe gelangte, ging ein erlöstes Aufatmen durch das deutsche Volk.

Dem Ruhrabenteuer folgte im gleichen Jahr noch ein zweites Abenteuer, der Hitler-Putsch.

In der Nacht vom 8. zum 9. November 192z erklärte Hitler in einer Versarnmlung im MünchenerBürgerbräu" die bayrische und die Reichsregierung für abgesetzt. Er selbst wollte die provisorische Re­gierung übernehmen, und Ludendorff sollte an die Spitze der deut­schen Armee treten. Der Vormarsch auf Berlin konnte beginnen. Aber schon am nächsten Morgen brach der Putsch vor der Feldherrn­halle zusammen, weil sich wider Erwarten der Hitlerleute die Reichs­wehr den Aufrührern entgegenstellte.

Für mich war das schwere Jahr 192z eine politische Lehrzeit. Je mehr ich die neue Zeit verstehen lernte, desto fester wuchs ich in die demokratische Weltanschauung hinein.

Im Kriege hatte ich ja gesehen, wie die Niedrigen und Armen ihre Pflicht für das Vaterland genau so taten wie die Reichen und

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