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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Vornehmen. War es da nicht billig, daß sie jetzt auch die gleichen politischen Rechte bekamen und der Staat vor allem dafür sorgte, auch den Ärmsten und Kleinsten ein menschenwürdiges Los zu schaffen.

Diese Aufgabe konnte aber nur der demokratische Staat erfüllen. Im zusammengebrochenen monarchischen Staat galt der Proletarier, derSozi", den höheren Gesellschaftöschichten als der Feind, den man mit Mißtrauen betrachtete und auf den man hochmütig herab­sah. Deshalb mußten die großen Massen LeS arbeitenden Volkes diesem alten Staat mit seinem Kasten- und Klassendünkel ab­lehnend gegenüberstehen.

Jetzt aber erlebte ich in zahllosen Versammlungen, daß die Massen der neuen deutschen Republik zujubelten und den neuen Staat als ihren Freund und Schützer betrachteten, das war ein wahrhafter, nationaler Gewinn. Schon der Gedanke, daß so einmal der alte Traum von der deutschen Einheit unter dem Banner der Republik Wirklichkeit werden könnte, hat mich begeistert und mitgerissen.

Es ist kein Zweifel, daß die Zeit der Monarchien vorüber ist. Die letzten europäischen Kaiserreiche sind im Weltkrieg unterlegen, und heute erachten die Völker es für würdiger, sich selbst zu regieren, als daß sie als Untertanen von Monarchen regiert werden. Darum bedeutet der demokratisch-republikanische StaatSgedanke gegenüber dem monarchischen einen Schritt aufwärts in der Entwicklung der Menschheit.

Als im Februar 1924 der Oberpräsident in Magdeburg, Otto Hörsing, die Republikaner aufrief, sich zur Abwehr aller gegen die Verfassung gerichteten Anschläge zusammenzuschließen, da folgte auch ich dem Ruf und trat als Mitglied des ReichSauSschusses in die Reihen desReichsbanners" ein.

Überraschend war der Erfolg: in kurzer Zeit standen zwei Millionen deutscher Männer in festgefügter Organisation bereit, von dem Willen beseelt,bei allen gewaltsamen Angriffen auf die republikanische Verfassung die Behörde in der Abwehr zu unter­stützen und die Gegner der Republik niederzukämpfen mit denselben Mitteln, mit denen sie die Republik angreifen". Darüber hinaus ist es das Ziel des Reichsbanners, für die Verwirklichung der sozialen

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