Verheißungen der Verfassung einzutreten und den Farben Schwarz- Rot-Gold in Stadt und Land zum Siege zu verhelfen.
Mit Bestürzung hörten die reaktionären Verbände, die bisher mit ihren schwarz-weiß-roten Demonstrationen die Straßen beherrscht hatten, den Marschtritt der Reichsbanner-Bataillone. Fast über Nacht sahen sie sich einer schwarz-rot-goldcnen Front gegenüber, die sie schon durch ihr Dasein in Schranken hielt und noch heute hält.
Da das Reichsbanner die Tradition von 1848 aufgenommen hat, ist es auch der Hauptträger aller Bestrebungen für ein Großdeutschland geworben, d. h. des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich. Wir wissen wohl, daß dieses Ziel nicht von heute auf morgen verwirklicht werden kann. Aber die Zeit wird kommen, wo auch unsere westlichen Nachbarn im Zusammenschluß dessen, was zusammengehört, keine Bedrohung deS europäischen Friedens mehr erblicken werden.
Auf Grund eines Vortrages, den ich in Berlin über Völkerverständigung und Völkerbund gehalten hatte, bekam ich eine Aufforderung der „Liga für Menschenrechte", die Junitagung 1924 des Völkerbundes in Genf zu besuchen, um Fühlung zu nehmen und persönliche Eindrücke zu gewinnen.
Die Genfer Verhandlungen—in französischer Sprache—wurden von dem tschechoslowakischen Ministerpräsidenten Benesch geleitet. Wohltuend war die vornehme Ruhe. Kein überlautes, heftiges Wort, kein krampfhaftes Glockenschwingen des Präsidenten, sondern würdige Selbstbeherrschung der Redner und verständnisvolles Eingehen aufeinander. Ich mußte unwillkürlich daran denken, wieviel der Menschheit wohl erspart worden wäre, wenn im Juli 1914 sich die Vertreter der Nationen in diesem Geist an den Verhandlungstisch gesetzt hätten.
Ich lernte mehrere RatSmitglieder persönlich kennen, so den 76jährigen Lord Parmoor, den Schweden Branting und den Tschechen Benesch. Sie zeigten mir alle ihre Befriedigung, einen deutschen General im FriedenSpalast zu sehen.
Gewiß, der Völkerbund war damals und ist auch heute noch nicht daS, waS die Welt von ihm erwartet. Aber eine so gewaltige, die Völker der Erde umfassende Organisation braucht Zeit, um sich
270