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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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zu ihrer historischen Mission zu entwickeln. Nicht ablehnende Kritik, sondern nur verantwortungsvolle Mitarbeit kann hier helfen.

Am lo. August 1924 fand in Weimar die erste große Kund­gebung des Reichsbanners zur Feier der Verfassung statt. Als Redner waren auöersehen: Preuß, der Schöpfer der Verfassung, Fehrenbach, Lobe, HaaS, der österreichische General Körner und ich. Aus allen deutschen Gauen waren trotz der wirtschaftlichen Not die Abordnungen deS Reichsbanners erschienen.

Der Festakt fand im Nationaltheater, dem Ursprungsort der Verfassung statt.

Wenn ich den Wortlaut meiner damaligen Rede hier folgen lasse, obwohl ich weiß, daß ich nur einen kleinen Teil von dem, waS ich fühlte, zum Ausdruck bringen konnte, so werden meine Freunde auch zwischen den Zeilen zu lesen wissen.

Kameraden! Wir können den heutigen Tag nicht besser feiern, als indem wir das Reichspanier hoch und stolz erheben und dem deutschen Volk die Parole zurufen: ,Das Ganze sammeln unter dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold!'

Denn unsere unselige Zerrissenheit, unser Hader und unsere Zwietracht sind schuld daran, daß wir noch so tief in Not und Schmach stecken. Einem so uneinigen Volke gegenüber hält sich die Welt mit ihrem Vertrauen und ihrem Kredit zurück.

Im Schützengraben draußen waren wir einig. Da lag der Reiche neben dem Armen, der Hohe neben dem Niedrigen, der Arbeitgeber neben dem Arbeiter. Warum geht es jetzt nicht? Wir sind doch ein Volk in Not, ein Volk, das ein hartes Schicksal gemeinsam zu tragen hat. Warum wollen wir uns nicht die Hände reichen, um unser Los zu erleichtern?

Nicht in tausend Rinnsalen muß die deutsche Kraft verfließen, sondern in einen breiten Strom soll sie geleitet werden. Dann werden wir wieder hochkommen und wieder frei werden!

Wie aber soll die Einigung anders möglich sein, als unter dem Banner der Republik?

Man mag theoretisch über das Problem, ob Monarchie oder Republik die bessere Staatsform ist, denken wie man will. Praktisch kommt für Deutschland jetzt nur die Republik in Frage. Stürzt sie, so würden abgesehen von blutigem Bürgerkrieg alsbald die

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