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Aus der alten in die neue Zeit : Lebenserinnerungen / von Berthold von Deimling
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Alliierten eingreifen, die Rheinlande wären verloren, das Deutsche Reich würde sich in seine Bestandteile auslösen. Deshalb wollen wir an der Republik nicht rütteln lassen; sie ist eine Lebens­notwendigkeit für Deutschland. Sein oder Nichtsein des Reiches hängt von ihr ab.

Man sollte darum meinen, daß jeder Deutsche, der seinen Ver­stand beieinander und das Herz für sein Vaterland auf dem rechten Fleck hat, es als sittliche Pflicht empfinden müßte, die Republik anzuerkennen und zu respektieren, sich ihr willig ein- und unter­zuordnen zum Wohle des Ganzen.

Allein was erleben wir statt dessen auch noch heute nach fünf Jahren?

Weite Kreise und darunter leider viele meiner Standes­genossen lehnen den neuen Staat ab. Sie leben und weben mit ihren Gedanken in der Vergangenheit, weil es dort für sie schöner war, und entziehen sich so der Gegenwart. Aber das Alte ist und bleibt vergangen. Kein Mensch wird es je wieder herausführen.

Die Erinnerung an all das Große und Schöne in der deutschen Vergangenheit müssen wir gewiß hochhalten und wollen uns daran ausrichten und stärken. Aber von Traditionen allein können wir nicht leben. Wir müssen uns mit dem, was in notwendiger Entwicklung heute Wirklichkeit und Gegenwart geworden ist, praktisch und tatkräftig abfinden.

Einige Tage bevor ich hierher reiste, wurde mir in einer Baden- Badener Zeitung aus die Nachricht, daß ich in Weimar sprechen würde, der Vorwurf gemacht:Wie kann der General Deimling, der doch durch die Gnade des Monarchen Orden und Adel erhalten hat, jetzt für die Republik eintreten? Da soll er doch die Orden und den Adel ablegen und sich -Genosse Deimling' nennen."

Nichts charakterisiert besser die Auffassung, die in diesen Kreisen herrscht, als dieser Vorwurf. Soll man denn der Orden wegen jetzt seinem Vaterland den Rücken kehren? Soll man der Orden zuliebe darauf verzichten, am Wiederaufbau des Vaterlandes mitzuhelfen?

Mir steht das Vaterland höher als die Orden!

Es gibt ja viele, die wohl einsehen, daß uns nur die Republik helfen kann, die sich aber scheuen, offen Farbe zu bekennen, weil sie fürchten, dann nicht fürnational", fürpatriotisch" zu gelten.

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