Dieses kolonialismus- und rassismuskritische Glossar versteht sich sowohl als Beitrag zu einem sensibleren Umgang mit Sprache, als auch als Bestandteil einer selbstkritischen und dekolonialen Auseinandersetzung mit der Bestandsgeschichte und der Sammlungsdokumentation im Technischen Museum Wien.

  • Pascha

    Pascha war im Osmanischen Reich der Titel der höchsten Zivilbeamten und Militärs. Der Titel wurde dem Vornamen nachgestellt (z. B. Mehmed Ali Pascha). In einigen Nachfolgestaaten des Reiches, etwa in Ägypten, blieb der Titel Pascha bis ins 20. Jahrhundert in Gebrauch.  Der Begriff „Paschalik“ bezeichnete den Verwaltungsbereich, der einem Pascha unterstand, in der Regel eine osmanische Provinz.
  • Person of Color/People of Color (PoC)

    Person of Color (Singular) bzw. People of Color (Plural) ist eine Selbstbezeichnung für „alle Menschen, die rassistischer Diskriminierung ausgesetzt sind“. Person oder People of Color sind keine Begriffe, mit denen Menschen mit einer bestimmten Hautfarbe bezeichnet werden, sondern Begriffe, die kennzeichnen, dass Hautfarbe eine gesellschaftliche Funktion, aber keine anthropologische Bedeutung hat. Der Begriff People of Color stützt sich demnach nicht auf biologische Merkmale, sondern beschreibt eine soziale Konstruktion: Menschen mit ähnlichen Lebensrealitäten und Erfahrungen, die oft, aber nicht notwendigerweise, mit Rassismus verknüpft sind. Ursprünglich wurde der Begriff in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den 1960ern geprägt. Die Bezeichnung PoC dient heute dazu, unterschiedliche Gruppen, die von Rassismus betroffen sind, solidarisch zusammenzufassen, ohne deren vielfältige Identitäten und Geschichten zu nivellieren.
  • Propaganda (kolonialer Kontext)

    Koloniale Propaganda bezeichnet Maßnahmen zur gezielten Beeinflussung der Bevölkerung, um Unterstützung für koloniale Politik und Unternehmungen zu gewinnen. Sie war häufig mit Investitionsaufrufen und Versprechen wirtschaftlicher Gewinne verbunden und diente zugleich der Rechtfertigung von Besitzansprüchen, Gewalt, Rassismus und Unrecht in den Kolonien. Auch Museen leisteten mit Kolonialausstellungen einen Beitrag zur Verbreitung kolonialer Propaganda. In Österreich trat ab 1894 vor allem die Österreichisch-Ungarische Kolonialgesellschaft als zentraler Akteur in Erscheinung.
  • Provenienzforschung (kolonialer Kontext)

    Koloniale Provenienzforschung befasst sich mit der Herkunftsgeschichte von Kulturgütern aus kolonialen Erwerbskontexten. Ihr Ziel ist es, die Besitz- und Erwerbsumstände dieser Objekte zu rekonstruieren und in bestimmten Fällen auch zu prüfen, ob eine Rückgabe (Restitution) an Herkunftsgesellschaften erfolgen sollte. Dafür werden in der Regel zahlreiche schriftliche und zum Teil auch mündliche Quellen ausgewertet. Da die schriftlichen Überlieferungen aus der Kolonialzeit häufig lückenhaft sind und inhaltlich die Sichtweisen der Kolonisator:innen widerspiegeln – während die Perspektiven der Kolonisierten kaum erhalten oder berücksichtigt werden – bedürfen sie einer besonders sorgfältigen und kritischen Interpretation.
  • Rassismus

    Rassismus bezeichnet Prozesse, in denen Menschen aufgrund tatsächlicher oder zugeschriebener Merkmale (z. B. Hautfarbe, Herkunft, Sprache, Religion) zu einheitlichen Gruppen konstruiert, hierarchisch bewertet und ausgegrenzt werden. Er führt zu sozialer Ungleichheit und kann die Würde und gesellschaftliche Teilhabe von Personen systematisch beeinträchtigen. Rassismus manifestiert sich sowohl in alltäglichen Interaktionen – etwa in Form von Mikroaggressionen – als auch in institutionellen Strukturen und Abläufen (z. B. in Schule, Wissenschaft, Polizei oder Gesundheitswesen). Er wirkt strukturell benachteiligend, wenn bestimmte Gruppen dauerhaft ausgeschlossen oder diskriminiert werden. Rassismus kann sich in Handlungen, Gesetzen, Regelungen und Überzeugungen ausdrücken, die auf gesellschaftlichen Machtverhältnissen beruhen und diese zugleich reproduzieren.
  • Reiseliteratur (kolonialer Kontext)

    Als Reiseliteratur werden Darstellungen (Briefe, wissenschaftliche Berichte, Tagebücher, Romane usw.) tatsächlicher oder fiktionaler Reisen bezeichnet. Dabei kann es sich um die Beschreibung jeglicher Beobachtungen oder Erlebnisse handeln, die sowohl wissenschaftlichen als auch literarischen Charakter haben können. Mit den europäischen Expansionen ab dem späten 14. Jahrhundert nahm die Produktion von Reiseliteratur stark zu. Neben Texten entstanden auch Karten und andere visuelle Darstellungen, die die Vorstellung von der „fremden“ Welt prägten. Europäische Reisende brachten ihre eigenen kulturellen Kategorien, Sprachen und Bilder mit und verfolgten mit ihren Beschreibungen unterschiedliche – teils widersprüchliche – Ziele und Interessen. Durch diese Darstellungen entstand Wissen über Orte und Menschen außerhalb Europas, das häufig auf rassistischen Stereotypen beruhte. Die Wissensproduktion war von Machtasymmetrien geprägt und verweigerte den „Anderen“ eine eigene Stimme. In eurozentrischen Diskursen verankert, stützte sie sich auf westliche „Wahrheitsregime“ wie Rassentheorien und Kulturhierarchien.

    Seit Mitte der 1990er-Jahre wird Reiseliteratur systematisch wissenschaftlich untersucht. Ein zentraler Ansatz betrachtet sie als Quelle, um koloniale Denkweisen und eurozentrische Darstellungen fremder Kulturen – besonders im 19. Jahrhundert – zu analysieren. Diese kolonial geprägten Narrative wirken bis heute fort und beeinflussen, wie im Globalen Norden über nicht-westliche Kontexte gesprochen wird. Eurozentrische und orientalistische Perspektiven – etwa in Form von Exotisierung oder Essentialisierung – finden sich weiterhin in moderner Reiseliteratur, oft getarnt als „authentische“ Darstellung.
  • Restitution

    Als Restitution wird die Rückgabe oder Abgeltung von Objekten bezeichnet, die unrechtmäßig in den Besitz Dritter gelangt sind. In Österreich steht der Begriff seit 1945 vor allem im Zusammenhang mit Vermögenswerten (darunter auch Kunst), insbesondere mit der Rückgabe von während des Nationalsozialismus geraubtem (jüdischem) Eigentum an die ursprünglichen Besitzer:innen oder deren Nachfahr:innen. Restitution umfasst auch Kulturgüter, etwa Kunstwerke und Sammlungsobjekte, die infolge nationalsozialistischer Enteignung in den Besitz Dritter gelangten. Den rechtlichen Rahmen für solche Rückgabeprozesse bilden Rückgabegesetze. Debatten um die Restitution von Kulturgütern aus kolonialen Kontexten werden in Europa seit den 1970er-Jahren geführt. Seit 2016 – angestoßen durch die Ankündigung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, koloniale Raubkunst zurückzugeben – gewinnen sie zunehmend an Konkretheit. Seither rücken besonders die Fragen in den Vordergrund, wie und an wen Rückgaben erfolgen sollen. Die Provenienzforschung ist dabei eine zentrale Voraussetzung, da sie Herkunft und Erwerbsumstände klärt und die Grundlage für mögliche Restitutionen schafft.
  • Rezeptionsobjekt (kolonialer Kontext)

    Als Rezeptionsobjekte werden Objekte oder Archivalien bezeichnet, die nicht zwingend aus einem kolonialen Erwerbskontext hervorgegangen sind und zum Teil erst nach dem formalen Ende der Kolonialzeit entstanden, aber dennoch koloniales oder rassistisches Gedankengut reflektieren und reproduzieren. Die Zuordnung von Rezeptionsobjekten aus kolonialen Kontexten erfolgt nicht primär über den Erwerbsweg (Provenienz), sondern über Zweck, Absicht und Wirkung des Objekts im jeweiligen Diskurs. Typische Beispiele für Rezeptionsobjekte sind Fotoalben, Postkarten, Produktwerbung, Lehrmittel oder Spiele.
  • Schwarz (Selbstbezeichnung)

    Schwarz (mit großem Anfangsbuchstaben) ist eine Selbstbezeichnung. Der Begriff bezieht sich nicht auf biologistische Merkmale, sondern beschreibt eine soziale Konstruktion, die gemeinsame Lebensrealitäten und Erfahrungen umfasst, die häufig – wenn auch nicht ausschließlich – mit Rassismus verbunden sind. Der Begriff ist Ausdruck einer selbstermächtigenden Wortschöpfung, die sich gegen rassistische Fremdbezeichnungen und Abwertungen von Schwarzsein wendet. Die Großschreibung bringt diesen Gedanken der Selbstermächtigung, des Widerstands und der gemeinsamen Verbundenheit gegen Rassismus zum Ausdruck.
  • Selbstbezeichnung

    Eine Selbstbezeichnung ist ein Name, den eine Gruppe für sich selbst wählt und verwendet. Sie spiegelt in der Regel die eigene Perspektive, Geschichte oder Identität einer Gruppe wider und stärkt so das Zugehörigkeitsgefühl sowie das Empowerment der jeweiligen Gemeinschaft. Gleichzeitig fungieren Selbstbezeichnungen als Mittel des Widerstands gegen eurozentrische oder rassistische Zuschreibungen. Beispiele dafür sind der Begriff „Schwarz“ (mit großem S) oder „Person of Color“ (PoC).
  • Stereotyp

    Ein Stereotyp ist eine verallgemeinernde und vereinfachende Zuschreibung bestimmter Eigenschaften, Verhaltensweisen, Rollen oder (körperlicher) Merkmale auf alle Mitglieder, die einer Gruppe zugeschrieben werden. Dabei wird angenommen, alle Mitglieder einer Gruppe seien gleich und bestimmte Sachverhalte „typisch“ für sie. Solche Stereotype können sich sowohl auf andere Gruppen (Fremdzuschreibungen), als auch auf die eigene (Selbstzuschreibungen) beziehen. Stereotype können sowohl negative, neutrale, als auch positive Wertigkeit besitzen. Sie spiegeln wider, wie Menschen aufgrund zugeschriebener Gruppenzugehörigkeit über andere denken und prägen sowohl Fremd- als auch Selbstbilder. Gleichzeitig sind Stereotype auch Teil von sozialen Wissensstrukturen: Sie entstehen aus den Prozessen, durch welche Menschen soziale Wirklichkeit konstruieren und deuten und werden über Sozialisierung, kulturelle Narrative und Medien reproduziert und weitergegeben.
  • Subalternität

    In kolonialen Kontexten bezeichnet der Begriff Subalternität gesellschaftliche Gruppen, die durch koloniale Machtstrukturen systematisch unterdrückt, ausgegrenzt und marginalisiert wurden. Aufgrund sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Ausgrenzung hatten diese Gruppen nur eingeschränkten Zugang zu Mitbestimmung und öffentlichem Diskurs. Dazu zählten beispielsweise indigene Bevölkerungsgruppen, kolonialisierte Frauen und andere marginalisierte Gemeinschaften, deren Perspektiven im Diskurs der Kolonialmächte unterdrückt oder vereinnahmt wurden.

    Der Begriff „subaltern“ wurde erstmals vom marxistischen Philosophen Antonio Gramsci (1891–1937) verwendet, um Gruppen wie Arbeiter:innen und Bäuer:innen zu beschreiben, denen aufgrund hegemonialer Machtverhältnisse der Zugang zu politischer und gesellschaftlicher Teilhabe verwehrt war. Gramscis Konzept bildet eine zentrale Grundlage für die postkoloniale Theorie. Gayatri Chakravorty Spivak (geb. 1942) überträgt diesen Begriff auf den postkolonialen Kontext und betont, dass „Subalterne“ nicht nur materiell, sondern vor allem diskursiv ausgeschlossen sind. Unter kolonialer Herrschaft können „Subalterne“ kaum selbst sprechen, da ihre Stimmen übergangen oder verzerrt repräsentiert werden. Spivak hebt zudem die „doppelte Subalternität“ von kolonialisierten Frauen hervor, die sowohl durch patriarchale Strukturen als auch durch die Kolonialmacht marginalisiert sind.
  • Suezkrise (1956)

    Die Suezkrise bezeichnet einen internationalen Konflikt im Jahr 1956, der durch die Verstaatlichung des Suezkanals durch den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser ausgelöst wurde. Der Konflikt involvierte Ägypten auf der einen Seite sowie Israel, Großbritannien und Frankreich auf der anderen Seite. Trotz der militärischen Niederlage Ägyptens erzwangen die USA und die Sowjetunion über die UNO den Rückzug der Invasionstruppen. Im Dezember 1956 stationierte die UNO eine Friedenstruppe an der Grenze; bis März 1957 war die Krise beendet. Sie hatte erhebliche geopolitische Auswirkungen, insbesondere im Kontext des Kalten Krieges, da sie sowohl die Machtverhältnisse im Nahen Osten verschob als auch den schwindenden Einfluss Großbritanniens und Frankreichs als ehemals dominierende Kolonialmächte in der Region deutlich machte. Während der Begriff Suezkrise in der westlichen Literatur die Krise primär aus westlicher Perspektive beschreibt, wird derselbe Konflikt in Ägypten als „Dreifache Aggression“ (Tripartite Aggression) bezeichnet, was die Wahrnehmung der militärischen Intervention durch Israel, Großbritannien und Frankreich als Eingriff in die nationale Souveränität Ägyptens hervorhebt.
  • Suk

    Der Begriff Suk (auch Souk oder seltener Suq) bezeichnet einen traditionellen Markt in arabischen Städten. Charakteristisch für das Erscheinungsbild eines Suks sind meist einstöckige, häufig überdachte Marktstraßen, in denen Geschäfte mit ähnlichen Warenarten in räumlicher Nähe zueinander angeordnet sind. In den ägyptischen Städten der osmanischen Zeit bildeten Suks multifunktionale Marktzentren, die sowohl ökonomische als auch soziale Funktionen erfüllten. Sie waren nach Handelszweigen organisiert und eng mit Karawanenstationen, Moscheen sowie Verwaltungsstrukturen vernetzt. Neben ihrer ökonomischen Funktion dienten Suks auch als Orte des sozialen und kulturellen Austauschs. Heute haben sich viele Suks in den Metropolen Ägyptens wie etwa Kairo zu stark touristisch geprägten Marktarealen gewandelt, während sie in kleineren Städten oft noch als Orte des alltäglichen Einkaufs dienen.
  • Sultan

    Sultan ist ein Herrschaftstitel, der seit dem 10./11. Jahrhundert in verschiedenen islamischen Kontexten verwendet wurde. Es handelt sich primär um einen politischen und nicht um einen religiösen Titel, auch wenn Sultane ihre Herrschaft häufig religiös legitimierten und in bestimmten Fällen (z. B. die osmanischen Sultane als Kalifen) auch religiöse Autorität beanspruchten. Das Herrschaftsgebiet eines Sultans sowie sein Titel und Amt werden als Sultanat bezeichnet.
  • Technologietransfer (kolonialer Kontext)

    Technologietransfer bezeichnet den Austausch und die Nutzbarmachung von Technologien – von Ideen, Techniken und Prinzipien bis hin zu Maschinen und Werkzeugen. Im Zusammenhang mit kolonialen Infrastrukturprojekten versteht man darunter oft die Weitergabe von Technologien, Wissen und Innovationen, z. B. durch europäische Projektbeteiligte – sogenannte „Transferagent:innen“ vor Ort (z. B. Ingenieure, Facharbeiter, medizinisches Personal etc.). Das Konzept des „Transfers“ im Sinne von Wissens- und Technologieweitergabe suggeriert, dass dieser Austausch nur in eine Richtung stattfand. Das ist jedoch irreführend und entspricht nicht den historischen Tatsachen. Eine kritische Auseinandersetzung mit historischen Quellen zeigt etwa, dass europäische Ingenieure beim Eisenbahnbau in Indien große Schwierigkeiten mit Klima und Geografie zu bewältigen hatten, die erst durch eine hybride Technologie aus europäischen und lokalen, indischen Methoden gelöst wurden. Dennoch wurden die indischen Beiträge meist ignoriert und die Erfolge allein der europäischen Ingenieurskunst zugeschrieben. Ein ähnliches Muster zeigt sich auch beim Bau des Suezkanals.
  • Transimperialität

    Transimperialität bezeichnet die Verflechtungen und Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Imperien. Menschen, Ressourcen, Ideen und Praktiken zirkulieren über imperiale Grenzen hinweg und prägen die jeweiligen Machtgefüge wechselseitig. Der transimperiale Ansatz betont die gleichzeitige Existenz und das Zusammenspiel mehrerer Imperien und erweitert das Verständnis von Kolonialgeschichte, indem er nicht einzelne Reiche isoliert, sondern deren globale Verbindungen und Überschneidungen in den Blick nimmt. Ein Beispiel ist der Bau des Suezkanals im 19. Jahrhundert, an dem unterschiedliche europäische Imperien (französisches Empire, englisches Empire, Habsburgermonarchie etc.) mit politischen und ökonomischen Interessen beteiligt waren.
  • Tschibuk

    Der Tschibuk ist eine traditionelle Tabakpfeife, die vom 17. bis 19. Jahrhundert im Osmanischen Reich weit verbreitet war. Der Tschibuk besteht aus einem meist aus Ton gefertigten Pfeifenkopf (Lüle), einem sehr langen Rohr (Sap) zur Kühlung des Rauchs und einem meist kunstvoll gearbeiteten Mundstück (Imame).

  • Türkensitz

    Der sogenannte Türkensitz – im heutigen deutschen Sprachgebrauch meist „Schneidersitz“ – ist eine Sitzhaltung mit gekreuzten Beinen. Die historische Bezeichnung verweist auf westliche Vorstellungen über Sitzgewohnheiten im Osmanischen Reich, in dem das Sitzen auf Teppichen oder Kissen üblich war.  Sitztraditionen bzw. -konventionen können in verschiedenen Kontexten zeremonielle Funktionen haben und Rang oder gesellschaftlichen Status markieren. Die Ursprünge des Türkensitzes gehen auf frühmittelalterliche türkische Bräuche zurück, die das das Sitzen im Zelt regelten. In der europäischen Rezeption wurde der Türkensitz häufig orientalisierend und stereotypisierend konnotiert, etwa mit Bedeutungen wie Despotismus oder Trägheit. Solche Zuschreibungen verdeutlichen, dass Körperhaltungen in der interkulturellen Wahrnehmung nicht nur beschrieben, sondern auch symbolisch überhöht und instrumentalisiert wurden – etwa zur Festigung bestehender Stereotype oder Vorurteile.
  • Umweltkolonialismus

    Der Begriff „Umweltkolonialismus“ leitet sich vom englischen environmental colonialism ab und wird häufig synonym mit „Klimakolonialismus“ oder „Ökokolonialismus“ verwendet. Er bezeichnet die Ausbeutung und Kontrolle von Ressourcen und Lebensräumen im Globalen Süden durch den Globalen Norden, insbesondere in ökologischen und klimabezogenen Zusammenhängen. Dabei wird betont, dass koloniale Strukturen und Machtverhältnisse bis heute fortwirken, da Umwelt- und Klimaprobleme vor allem ärmere Länder treffen, die nur in geringem Maße zu ihrer Entstehung beigetragen haben. Der Begriff findet zunehmend in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit Verwendung, um auf ökologische Ungleichheiten und neue Formen kolonialer Herrschaft aufmerksam zu machen.
  • Umweltorientalismus

    Umweltorientalismus bezeichnet die Vorstellung, dass Regionen Westasiens und Nordafrikas – insbesondere jene, die in eurozentrischen Diskursen dem Orient" zugeschrieben wurden bzw. werden – als ökologisch rückständig, naturzerstörerisch oder unfähig zu einem aus westlicher Perspektive angemessenen Umgang mit der Umwelt dargestellt werden. Der Begriff des Umweltorientalismus knüpft an Edward Saids Orientalismus-Konzept an und wurde vor allem durch Diana K. Davis weiterentwickelt, die ihn auf umweltbezogene Deutungen und kolonial geprägte ökologische Wissensproduktion übertragen hat. Dadurch wird deutlich, dass Umweltprobleme aus einer eurozentrischen Perspektive oft kulturell, statt strukturell erklärt werden. Außerdem wird sichtbar gemacht, wie umweltbezogene Diskurse Machtverhältnisse und Stereotype fortschreiben: Landschaften des Globalen Südens – insbesondere in arabisch geprägten Kontexten – erscheinen dabei häufig in vereinfachenden Gegensätzen wie Wüste/Oase oder extremer Reichtum/Ressourcenknappheit und werden als fremdartig oder exotisch konstruiert. 
  • Umweltrassismus

    Umweltrassismus bezeichnet die systematische Benachteiligung rassistisch diskriminierter oder anderer marginalisierter Bevölkerungsgruppen, die überproportional Umwelt- und Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind und von umweltrelevanten Entscheidungsprozessen häufig ausgeschlossen bleiben. Der Begriff wurde 1982 von Benjamin Chavis im Zusammenhang mit den Protesten gegen eine geplante Sondermülldeponie in Warren County (North Carolina, USA) geprägt. Breite Aufmerksamkeit erhielt er durch den Report Toxic Wastes and Race in the United States (1987) der United Church of Christ, an dem Chavis maßgeblich beteiligt war. Dieser belegte erstmals landesweit empirisch, dass race der wichtigste Faktor für die Standortwahl gefährlicher Abfalldeponien in den USA war (noch vor Einkommen oder anderen sozioökonomischen Kriterien). Besonders der US-Soziologe Robert D. Bullard trug ab den 1990er-Jahren dazu bei, den Umweltrassismus als Forschungsfeld zu etablieren. Er belegte anhand zahlreicher Fallstudien, dass staatliche Maßnahmen, behördliche Verfahren und unternehmerische Entscheidungen überproportional Communities of Color belasten und ihnen zugleich systematisch Mitsprachemöglichkeiten verwehren.
  • Versklavung (Ägypten)

    Zur historischen Einordnung der Dokumente österreichischer Ingenieure in Ägypten um 1850 ist ein kurzer Hinweis auf die Geschichte der Versklavung in Ägypten sowohl in der Antike als auch im 19. Jahrhundert notwendig. Die westliche Vorstellung Ägyptens als „Haus der Sklaverei“ geht unter anderem auf die biblische Formulierung in Exodus 20,2 zurück, die das antike Ägypten als Ort der Unfreiheit beschreibt. Ägyptologische Forschungen zeigen jedoch, dass Formen unfreier Arbeit im alten Ägypten anders strukturiert waren als die späteren, im westlich-kolonialen Kontext ab dem 16. Jahrhundert entwickelten und rechtlich normierten Systeme der Versklavung und nicht ohne Weiteres mit diesen gleichgesetzt werden können. Personen, die in Ägypten Zwangsarbeit verrichten mussten, waren nicht notwendigerweise lebenslang daran gebunden.

    Für unterschiedliche Phasen des 19. Jahrhunderts ist in Ägypten von mindestens 30.000 versklavten Personen auszugehen.  Versklavte weiße Menschen stammten vor allem aus Griechenland sowie aus Regionen am Schwarzen Meer (e. g. Georgien, Armenien, Tscherkessien). Versklavte Schwarze Menschen wurden aus Darfur, dem Sudan, Bornu und Waday verschleppt. Fast alle Schichten der ägyptischen Gesellschaft setzten versklavte Schwarze Menschen als Hausangestellte ein. Schwarze Männer arbeiteten zudem als Soldaten und Landarbeiter, Schwarze Frauen vor allem auf Zucker- und Baumwollplantagen sowie in der Bewässerung. Mit der Anglo-Egyptian Slave Trade Convention bzw. Anglo-Egyptian Convention for the Abolition of Slavery wurde 1877 der Sklavenhandel mit dem Sudan offiziell verboten; 1884 folgte ein Verbot des Imports weißer Frauen, vor allem aus dem Kaukasus.
  • Versklavung (kolonialer Kontext)

    Versklavung bezeichnet einen Prozess, durch den Menschen ihrer Freiheit und ihres rechtlichen Status als Subjekt beraubt und in ein Abhängigkeits- bzw. Eigentumsverhältnis gezwungen werden. Die Verwendung des Begriffes „Versklavung“ verdeutlicht, dass es sich um einen Prozess der Entmenschlichung handelt: Durch gewaltförmige Praktiken werden versklavte Menschen „hergestellt“,indem sie von Personen zu Waren gemacht werden. Im Gegensatz dazu implizieren die Begriffe „Sklaverei“ und „Sklav:in“ einen festgeschriebenen „Ist-Zustand“, eine Opferrolle.

    Versklavung stellt im Kontext des europäischen Kolonialismus eine historisch spezifische Form der Unfreiheit dar. Sie beruht auf der Konstruktion von „Rasse“ als zentraler Selektions- und Legitimationskategorie und ist fest in ein globales kapitalistisches Ausbeutungssystem eingebettet. Die Versklavung von mehr als 12 Millionen afrikanischen Menschen über einen Zeitraum von mehr als 400 Jahren (15. bis 19. Jahrhundert) wurde von vorwiegend europäischen (später nordamerikanischen), aber auch afrikanischen Akteur:innen ermöglicht und für ihren eigenen Profit aktiv vorangetrieben. „Das System der Versklavung veränderte Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme Afrikas, Amerikas und Europas und schuf dabei Machtstrukturen, die bis heute fortwirken: Während Europa und Nordamerika von der Ausbeutung und Versklavung in Form eines wirtschaftlichen Aufschwungs profitierten, bedeuteten diese Prozesse für die Herkunftsregionen versklavter Menschen willkürliche Grenzziehungen, die Zerstörung wirtschaftlicher Strukturen und soziokultureller Gefüge und eine erzwungene Anpassung an koloniale Strukturen – darüber noch der Menschenraub.“ (Nadja Ofuatey-Alazard 2021)

    In Diskursen zu kolonialistischer Versklavung, dem transatlantischen Versklavungshandel und Plantagenversklavung wird der spezifische Zusammenhang von Versklavung mit Kolonialismus und (v. a. antischwarzem) Rassismus betont und dabei die institutionelle Verankerung von Versklavung als fundamentales und legitimes Gesellschaftssystem in der Herrschaftsstruktur des Kolonialismus aufgezeigt.
  • Wali

    Wali war der Titel eines Gouverneurs oder Statthalters im Osmanischen Reich. Ein Wali verwaltete in der Regel eine osmanische Provinz (Eyalet) und fungierte als vom Sultan ernannter regionaler Verwaltungschef sowie als Stellvertreter der zentralen Regierung. In Ägypten trugen die Herrscher von 1805 bis 1866 diesen Titel, bevor er durch die Bezeichnung Khedive ersetzt wurde. In westlichen Quellen wird der Titel Wali häufig als „Vizekönig“ wiedergegeben, um die weitreichenden Befugnisse der ägyptischen Amtsinhaber zu verdeutlichen.
  • weiß (kolonialer Kontext)

    weiß (klein und kursiv geschrieben) bezeichnet keine Identität, sondern einen analytischen Begriff. Er wurde von Schwarzen Theoretiker:innen entwickelt, um Strukturen weißer Dominanz- und Machtverhältnisse sowie deren Verknüpfung mit rassistischen Systemen und Praktiken zu beschreiben. Da sie als Norm eines eurozentrischen Weltbildes und Wissenssystems gelten, profitieren weiße Menschen von strukturellem Rassismus.
  • Westen

    „Der Westen“ ist kein natürlich gegebener geografischer Raum, sondern ein historisch konstruiertes Konzept. Es bezeichnet ein Ensemble von Vorstellungen, Bildern und Zuschreibungen, die im Zuge kolonialer Expansion, wissenschaftlicher Klassifikationen und politischer Diskurse entstanden sind und sich stark auf Stereotype stützen. Zu den meist damit verbundenen Ländern zählen die (west)europäischen Staaten, die USA, Kanada sowie Australien und Neuseeland. Als kulturelle Repräsentation steht der „Westen“ für Werte wie Rationalität, Fortschritt, Individualismus und Modernität, die in Abgrenzung zum vermeintlich „Anderen“ – dem „Rest“ – definiert wurden. Gleichzeitig ist der „Westen“ mehr als nur ein abstraktes Konstrukt: Über Jahrhunderte hat sich dieses Deutungsmuster in sozialen Institutionen, Machtverhältnissen und globalen Ungleichheiten verfestigt. Der Diskurs „Der Westen und der Rest“ (the West and the Rest) hat reale Effekte hervorgebracht – von kolonialer Herrschaft über ökonomische Abhängigkeiten bis hin zu heutigen geopolitischen Strukturen. Der „Westen“ fungiert zudem als politische Kategorie, die in internationalen Beziehungen, Entwicklungspolitik und geopolitischen Ordnungen als Maßstab dient und Machtasymmetrien stabilisiert. Der „Westen“ ist also zugleich ein ideologisches Konstrukt und eine sozial wirksame Kategorie: Er existiert, weil er im Diskurs immer wieder hergestellt wird, und er wirkt real, weil er politische, ökonomische und kulturelle Ordnungen nachhaltig geprägt hat.
  • Zivilisierungsmission

    Die sogenannte Zivilisierungsmission war im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine zentrale Rechtfertigungsstrategie des europäischen Kolonialismus. Sie gründete auf der Annahme einer vermeintlichen kulturellen Überlegenheit Europas. Vor diesem Hintergrund wurde koloniale Herrschaft als moralische Verpflichtung interpretiert, unterlegene Bevölkerungen zu erziehen und ihnen europäische Vorstellungen von Bildung, Religion, Recht und Verwaltung zu vermitteln. Die ideengeschichtlichen Wurzeln der Zivilisierungsmission liegen in der Aufklärung und im christlichen Missionsgedanken. Der Begriff mission civilisatrice etablierte sich um 1840 im französischen Kolonialdiskurs, zunächst im Zusammenhang mit der Kolonialisierung Algeriens, und verbreitete sich bald auch in weiteren europäischen Kolonialreichen. In der Praxis nutzten koloniale Akteur:innen das Narrativ der Zivilisierungsmission um Missionierung, koloniale Bildungseinrichtungen, Verwaltungsstrukturen, Rechtssysteme und Infrastrukturprojekte, die der Absicherung kolonialer Herrschaft dienten, zu rechtfertigen. Die Zivilisierungsmission war damit Ausdruck kolonialer Herrschaftsideologien, die rassistische Hierarchien reproduzierten und dabei andere Kulturen abwerteten.
  • Zuschreibung (kolonialer Kontext)

    Zuschreibung bezeichnet den Prozess, bei dem Individuen oder Gruppen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden. Dieser Prozess orientiert sich an gesellschaftlichen Normen und Werten und greift häufig auf Stereotype zurück. Zuschreibungen tragen wesentlich zur Konstruktion und Stabilisierung sozialer Unterschiede und Hierarchien bei. Besonders wirksam sind sie, wenn sie an sichtbare körperliche Merkmale gekoppelt sind, da sie dadurch als vermeintlich „objektiv“ oder „real“ erscheinen. Zuschreibungen sind wertend, da sie der sozialen Einordnung von Menschen dienen – ob implizit oder explizit anhand sozial und kulturell erlernter Bewertungsmechanismen. Zuschreibungen tragen zur Festigung von Machtdynamiken in kolonialen und rassistischen Kontexten bei. Sie erzeugen oder reproduzieren koloniales Wissen, das Unterschiede anhand von Kategorien wie „Rasse“, „Kultur“ oder anderen Klassifizierungssystemen hierarchisch ordnet. Der „weiße Westen” erscheint dabei als höchste Stufe der menschlichen Entwicklung, während jegliche Abweichung davon als Ausdruck von Unterlegenheit ausgelegt wird.
  • Zwangsarbeit (kolonialer Kontext)

    Zwangsarbeit bezeichnet jede Arbeit oder Dienstleistung, die von einer Person unter Androhung einer Strafe verlangt wird und zu der sich diese Person nicht freiwillig zur Verfügung gestellt hat. Im Unterschied zur Versklavung behalten Zwangsarbeiter:innen formal ihren rechtlichen Status als freie Personen, werden jedoch durch Zwang oder Gewalt zur Arbeit verpflichtet. Die Rekrutierung von Zwangsarbeiter:innen für Plantagen, Minen oder Bauprojekte war in der Kolonialzeit gängige Praxis, wobei Gewalt, Folter oder andere Formen der Bestrafung eingesetzt wurden, um ihre Arbeit zu erzwingen.